(Kein) Handbuch Rechtsextremismus (review)

 

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    Arzheimer, Kai. “(Kein) Handbuch Rechtsextremismus (review).” Jahrbuch Extremismus und Demokratie. Eds. Backes, Uwe, Alexander Gallus, and Eckhard Jesse. Vol. 29. Baden-Baden: Nomos, 2017. 352-354.
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Fabian Virchow, Martin Langebach, Alexander Häusler (Hrsg): Handbuch Rechtsextremismus. Springer VS 2016. 597 Seiten, 62,99 €.

Seit mehr als acht Jahrzehnten ist die Rechtsextremismusforschung ein aktives – und bedauerlicherweise höchst aktuelles – Forschungsfeld. Ein aktuelles Handbuch, das den gesicherten Stand der Forschung dokumentiert, fehlt aber bisher, da entsprechende Publikationen zuletzt um die Jahrtausendwende herum vorgelegt wurden.

Nun sind Fabian Virchow und Alexander Häusler vom Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/Neonazismus an der Hochschule Düssldorf gemeinsam mit dem Soziologen Martin Langebach, der vor allem als Spezialist für rechte Jugendkulturen bekannt ist, angetreten, um dies zu ändern. Gemeinsam mit 17 weiteren Autoren behandeln die Herausgeber in ebensovielen Kapiteln Themen wie “Rechtsextreme und menschenfeindliche Einstellungen”, “Organisationsformen des Rechtsextremismus”, “Rechtsextremismus und Jugend” oder “Die ‘Neue Rechte’ in der Bundesrepublik Deutschland”.

Jedes einzelne der Kapitel wurde von ausgewiesenen Kennern der jeweiligen Materie verfaßt. Aus wissenschaftssoziologischer Perspektive auffällig ist dabei der vergleichsweise niedrige Anteil von Politikwissenschaftlern. Obwohl der modern Extremismusbegriff in der Politischen Soziologie und in der Politikwissenschaft entwickelt wurde, sind nur fünf von zwanzig der am Handbuch Beteiligten dieser Disziplin zuzurechnen. Überraschend stark vertreten sind hingegen Historiker, Pädagogen und Praktiker. Dies ist der klaren Ausrichtung des Handbuches an den rechten Lebenswelten einerseits und der der historischen Entwicklung in der Bundesrepublik andererseits geschuldet.

So wird etwa in dem fast vierzig Druckseiten umfassenden Kapitel zur “Geschichte der extremen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland”, das von Gideon Botsch verfaßt wurde, sehr detailliert die Entwicklung rechtsextremer Parteien und anderer Organisationen seit Gründung der Bundesrepublik nachgezeichnet. Eine ausgezeichnete Ergänzung dazu ist das Kapitel von Hans-Gerd Jaschke, der die “Strategien der extremen Rechten in Deutschland nach 1945” untersucht und dabei die historische Perspektive mit einer stärker auf Systematisierung abstellenden Betrachtungsweise verbindet. Auch der von Bianca Klose und Sven Richwin verfaßte Beitrag zu den “Organisationsformen des Rechtsextremismus” läßt sich als Komplement zu den beiden genannten Kapiteln verstehen.

Spätestens bei der Lektüre des zwischengeschalteten Kapitels zu “Aktionsformen und Handlungsangeboten der extremen Rechten” (Heiko Klare und Michael Sturm) stellt sich aber die Frage nach möglichen Doppelungen zwischen den Beiträgen. Dies gilt auch für den Beitrag von Alexander Häusler, der auf fast 50 Seiten die “Themen der Rechten” behandelt. Ihm gelingt es, dem Leser einen ausgezeichneten Überblick über eben diese Themen und deren Konjunktur zu verschaffen. Wenn Häusler zeigt, wie sich die Popularität dieser Themen über die Zeit gewandelt hat und welche Subgruppen dabei von Bedeutung waren, sind Überschneidungen mit den vorangegangenen und den nachfolgenden Kapiteln aber unvermeidlich. Christoph Kopkes Beitrag zur Extremen Rechten als Wahlkampfakteur ist ebenfalls in hohem Maße informativ, betrachtet aber letzten Endes vieles, was bereits vorher zu Akteuren, Organisationen, Themen und Strategien gesagt wurde, noch einmal durch eine etwas speziellere Brille. Auch Stefan Weiß’ Kapitel zur “Bedeutung und Wandel von ‘Kultur’ für die extreme Rechte” greift einerseits einzelne Aspekte von Häuslers Beitrag wieder auf und verweist andererseits schon auf das letzte Kapitel des Bandes, in dem Martin Langebach und Jan Raabe “Die ‘Neue Rechte’ in der Bundesrepublik Deutschland” behandeln.

Ähnliches gilt mutatis mutandis auch für eine zweite Gruppe von Kapiteln. In seinem sehr dichten Beitrag greift Jan Schedler die in den 1990er Jahren viel diskutierte Frage auf, ob die Extreme Rechte in der Bundesrepublik als soziale Bewegung betrachtet werden könne. Zu diesem Zweck geht er zunächst auf einige theoretische Hauptstränge der Forschung zu sozialen Bewegungen ein, um dann zentrale Konzepte auf die extreme Rechte in Deutschland anzuwenden. Andere Beiträge befassen sich ebenfalls mit lebensweltlichen Aspekten des Rechtsextremismus, ohne aber den von Schedler präsentierten Begriffsapparat für ihr jeweiliges Spezialthema nutzbar zu machen oder zumindest dessen Nutzen zu diskutieren. So befaßt sich Martin Langebach mit dem sehr breiten Thema “Rechtsextremismus und Jugend” und stellt hier u.a. Studien zur rechtsextremen Einstellungen von Jugendlichen, zu den (verbleibenden) rechtsextremen Jugendorganisationen so wie zur (jugendspezifischen) Verbreitung rechtsextremer Inhalte im Internet vor. Bezüge zu den Konzepten der Bewegungsforschung kommen jedoch allenfalls am Rande vor. Ähnliches gilt auch für den Beitrag von Felix Wiedemann. Dieser informiert in vergleichsweise knapper, aber sehr systematischer Form über “Das Verhältnis der extremen Rechten zur Religion” und enthält zwei kurze Unterabschnitte zu den Themen “neue religiöse Bewegungen” und “politische Religion”. Auch hier wären zumindest Querverweise zu Schedlers Kapitel angebracht gewesen.

Andere Kapitel stehen weitgehend für sich. Tim Spier gelingt es in seinem Kapitel zur “Wahl von Rechtsaußenparteien in Deutschland” den aktuellen Stand zur Forschung zu diesem Thema in knapper und dabei sehr lesbarer Form zusammenzufassen. Ähnlich informativ ist das umfangreiche Kapitel von Renate Bitzan zum Thema “Geschlechterkonstruktionen und Geschlechterverhältnisse in der extremen Rechten”, das nicht nur das Thema selbst abhandelt, sondern auch die Geschichte seiner Erforschung kritisch reflektiert.

Von besonderem Interesse schließlich ist der Beitrag von Karin Priester, der nach dem Verhältnis von Rechtspopulismus, Rechtsradikalismus und Rechtsextremismus fragt und damit auf einen wichtigen Umstand hinweist: Rechtsextremismus hat als Forschungsgegenstand nichts von seiner Aktualität verloren. Politisch bedeutsamer sind heute in vielen Ländern aber Bewegungen, Parteien und Ideen, die sich nicht eindeutig als rechtsextrem einordnen lassen, aber dennoch als hochproblematisch gelten müssen. Zugleich ist Priester auch die einzige Autorin, die in ihrem Kapitel klar über Deutschland hinausgeht, indem sie versucht, eine europäische Typologie von Rechtspopulismen zu entwickeln.

Insgesamt betrachtet hinterläßt der von Virchow, Langebach und Häusler herausgegebene Band einen widersprüchlichen Eindruck. Die einzelnen Beiträge sind systematisch angelegt, klar geschrieben, aktuell und hochinformativ. Trotzdem werden sie in der Summe dem Anspruch, ein Handbuch des Rechtsextremismus vorzulegen, nicht gerecht. Dafür sind sie zum einen zu stark auf Deutschland ausgerichtet. Ergebnisse der internationalen Rechtsextremismusforschung tauchen, wenn überhaupt dann nur am Rande auf. Zum anderen fehlt dem Buch eine klare Struktur, die für sich beanspruchen könnte, tatsächlich das gesamte Forschungsfeld in systematischer Weise zu parzellieren. Dies zeigt sich schon rein formal in der fehlenden Untergliederung des Inhaltsverzeichnisses in größere Abschnitte und ist noch deutlicher in der Einleitung zu erkennen, die in knapper Form die einzelnen Kapitel zusammenfaßt, ohne deutlich zu machen, warum gerade diese Themen genau jener Reihenfolge behandelt werden. Den Herausgebern fehlt schlicht ein klares Konzept – so erklären sich auch Überschneidungen und fehlende Querbezüge. Im Ergebnis ist so ein durchaus lesenswertes Buch entstanden, das sich aber kaum von den bereits vorliegenden Sammelbänden (z.B. Braun, Geisler, Gerster 2016) abhebt.