Unter einem Wert versteht man nach der in den
Sozialwissenschaften weithin akzeptierten Definition von Kluckhohn (1951) eine
„Konzeption des Wünschenswerten“, d.h. einen moralischen Maßstab ,
an dem die Wirklichkeit gemessen wird. Als Bestandteile des kulturellen Systems
einer Gesellschaft sind Werte der Makro-Ebene zuzurechnen und existieren damit
in gewisser Weise unabhängig von ihren individuellen Trägern. Für das
politische Denken und Handeln auf der Mikro-Ebene wird ein gegebener Wert erst
dann relevant, wenn das Individuum im Verlauf der primären oder sekundären
Sozialisation - möglicherweise auch noch später im Lebensverlauf - eine
positive Haltung gegenüber diesem Wert, eine Wertorientierung, erwirbt. Durch diesen Prozeß der Internalisierung wird die entsprechende
Wertorientierung Bestandteil des individuellen Überzeugungssystems.
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Aufgrund zweier
Eigenschaften nehmen Wertorientierungen innerhalb von individuellen Überzeugungssystemen
eine Sonderstellung ein: Erstens gelten Wertorientierungen als sehr stabil.
Während gewöhnliche Einstellungen sich rasch wandeln können, gehen viele Sozialwissenschaftler
davon aus, daß Wertorientierungen unter normalen Umständen ein Leben lang beibehalten
werden, nachdem sie einmal erworben wurden. Zweitens zeichnen sich Wertorientierungen
dadurch aus, daß sie den gewöhnlichen Einstellungen konzeptuell übergeordnet
sind und diese strukturieren, indem sie als Maßstab zur Beurteilung bis dahin
unbekannter Objekte dienen. Einer Vielzahl von Einstellungen gegenüber
konkreten Objekten wie Parteien, Kandidaten oder Politikentwürfen steht deshalb
eine geringe Zahl von eher abstrakten Wertorientierungen gegenüber (vgl. u.a.
van Deth/Scarbrough 1995: 41). Wertorientierungen sind deshalb im Sinne von
Converse (1964: 208) zentrale
Einstellungen, d.h. in der Tendenz werden Einstellungen, die sich auf Grund von
neuen Erfahrungen mit bis dahin unbekannten Objekten herausbilden und den
eigenen Wertorientierungen widersprechen, so umgeformt, daß der Widerspruch
aufgehoben wird.
Werte als Konzeptionen
des Wünschenswerten können sich prinzipiell auf alle Bereiche des menschlichen
Lebens (Arbeit, Familie, Freizeit etc.) beziehen. Versteht man jedoch in der
Tradition Eastons (1965a: 50) unter Politik in erster Linie die Produktion von
Entscheidungen, die für die gesamte Gesellschaft verbindlich sind, dann ist die
Erforschung gesellschaftspolitischer Wertorientierungen, die sich auf
„Konzeptionen der wünschenswerten Gesellschaft“ (Parsons 1980: 185) beziehen,
besonders wichtig.
Die Vorstellung, daß
zur vollständigen Beschreibung einer politischen Gemeinschaft auch die tief
verwurzelten (und, wenn die Gesellschaft stabil sein soll, nach Möglichkeit von
allen Bürgern geteilten!) Überzeugungen bezüglich der „guten Ordnung“ dieser
Gemeinschaft gehören, läßt sich bis in die griechische Antike zurückverfolgen.
Weber, Parsons, Easton und andere moderne Klassiker der Sozialwissenschaften
haben diese Überlegung so umformuliert, daß sie für die empirische Forschung
zugänglich wurde. Auslöser für das neu erwachte politikwissenschaftliche
Interesse an gesellschaftspolitischen Werten und Wertorientierungen war aber
ohne Zweifel Ronald Ingleharts These vom stillen, aber revolutionären Wandel der Wertorientierungen in den
westlichen Gesellschaften.
In den fast drei
Jahrzehnten, die seit dem Erscheinen von Ingleharts (1971) erstem Aufsatz zum
intergenerationellen Wertewandel in Europa vergangen sind, hat sich die
empirische Beschäftigung mit Werten und Wertorientierungen zu einem „minor
branch of industry in political science“ (van Deth 1995: 5) entwickelt. Wahl-,
Parteien- und Policy-Forschung haben das Konzept der Wertorientierung in ihr
Repertoire aufgenommen, um längerfristige Wandlungsprozesse zu erklären. Eine
besonders wichtige Rolle spielen Prozesse des Wertewandels aber nach wie vor in
der vergleichenden Politikforschung, weil sie als Modernisierungsprozesse
interpretiert werden können, die – in Abhängigkeit von den strukturellen
Voraussetzungen – innerhalb verschiedener politischer Systeme unterschiedlich
verlaufen und zu je unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Auf die Bedeutung des
von Inglehart beschriebenen Trends weg von den alten „materialistischen“ hin zu
den neuen „postmaterialistischen“ Werten für die politische Kultur hat bereits
Gabriel (1986: 107ff) nachdrücklich hingewiesen. Gabriel argumentiert
hauptsächlich mit dem Wunsch der Postmaterialisten nach umfassenden
Mitwirkungsmöglichkeiten. Durch die von Inglehart prognostizierte Zunahme von
Postmaterialisten würde sich die „civic culture“, die ja eine Mischform
darstellt (Almond/Verba 1965: 29f), zu einer im wesentlichen aus aktiven Bürgern
bestehende „participant culture“ wandeln, was nach der von Almond/Verba (1965:
21f) vertretenen Kongruenzhypothese wiederum einen Wandel des politischen Systems
notwendig machen könnte.
Unabhängig davon, ob
man mit Inglehart davon ausgeht, daß tatsächlich ein eindimensionaler Wandel
von materialistischen zu postmaterialistischen Wertorientierungen stattfindet
(vgl. hierzu kritisch Clarke et al. 1999, Davis/Davenport 1999, Klein/Pötschke
2000), ergibt sich aber aus Almond und Verbas Definition von politischer Kultur
als Verteilung der Einstellungen gegenüber politischen Objekten (1965: 13), daß
jede Veränderung der gesellschaftspolitischen Wertorientierungen auch die
politische Kultur eines Landes berührt. Dies gilt auch und gerade für das
Regime, die „specific roles or structures“ (Almond/Verba 1965: 14), das ja im
Gegensatz zu den Amtsinhabern und den Politikinhalten in modernen Demokratien
den eigentlichen Kern des politischen Systems ausmacht. Ein Blick auf den
komplexeren Regime-Begriff Eastons (1965b: 193ff) verdeutlicht dies: Für Easton
zählen zum Regime nicht nur Normen und Rollenstruktur, sondern auch die Werte,
aus denen sich diese herleiten. Verschiebungen im Bereich der
gesellschaftspolitischen Wertorientierungen können deshalb weitreichende Folgen
für die politische Kultur und die Unterstützung des politischen Systems eines
Landes haben.
In Deutschland sind
wir gegenwärtig mit einer ganz besonderen Situation konfrontiert: Nicht nur,
daß der Prozeß des Wandels hin zu partizipatorischen Werten in langer Sicht
möglicherweise zu einer abnehmenden Kongruenz von politischer Kultur und
politischer Struktur und somit zu einem Stabilitätsproblem der bundesdeutschen
Demokratie führt. Diesem Problem sehen sich alle westlichen
Industriegesellschaften gegenüber. Darüber hinaus wurden im Zuge der Wiedervereinigung
der beiden Teile Deutschlands aber außerdem zwei Populationen mit sehr
unterschiedlich ausgeprägten politischen Kulturen zusammengefügt. Diese
Diskrepanzen in den politischen Einstellungen und Wertorientierungen von Ost-
und Westdeutschen stellen eine potentielle Quelle von Systemunzufriedenheit
dar, da es dem politische System auf Dauer nicht gelingen kann, die
widersprüchlichen Erwartungen und Forderungen alle in gleichem Maße zu
befriedigen. Sollten sich also die politischen Orientierungen in Ost- und West
mittelfristig nicht aneinander angleichen, so ist damit zu rechnen, daß das
politische System in zunehmendem Maße unter Streß geraten wird. Das Anliegen
des vorliegenden Aufsatzes besteht vor diesem Hintergrund darin, die politische
Kultur in West- und Ostdeutschland im Jahr 1998 daraufhin zu untersuchen,
inwieweit sich ein solcher Angleichungsprozeß der Wertorientierungen vollzogen
hat. Hierfür ist es notwendig, zunächst noch einmal kurz zu bilanzieren, welche
Unterschiede in den grundlegenden politischen Orientierungen von Ost- und
Westdeutschen zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung bestanden.
Fast unmittelbar nach
dem Fall der Mauer begannen Sozialwissenschaftler die Differenzen in den
gesellschaftspolitischen Einstellungen und Wertorientierungen von West- und
Ostdeutschen zu erforschen. Gravierende Unterschiede ergaben sich dabei vor
allem hinsichtlich der Akzeptanz demokratischer Werte, hinsichtlich des
wünschenswerten Umfangs staatlicher Interventionen, hinsichtlich der Akzeptanz
des Leistungsprinzips und des Wertes der sozialen Gleichheit sowie hinsichtlich
materialistischer Wertorientierungen. Dies sind dementsprechend auch die
Aspekte der politischen Kultur, die wir in Abschnitt 3 empirisch untersuchen
werden. Zuvor aber sollen kurz die wichtigsten Befunde aus der bislang
vorliegenden Literatur überblicksartig dargestellt werden.
Unmittelbar nach der
Wiedervereinigung herrschte in der empirischen Einstellungsforschung der
Eindruck vor, daß sich in der ehemaligen DDR eine Art „50er-Jahre-Mentalität“
konserviert habe (Klages/Gensicke 1992). Die Ostdeutschen zeigten sich in den
ersten verfügbaren Umfragen in ihren Einstellungen als deutlich traditioneller,
autoritärer, sie befürworteten sehr viel stärker das Leistungsprinzip und waren
in ihren Wertorientierungen deutlich materialistischer als die Westdeutschen
(Bauer 1991b, Herbert/Wildenmann 1991, Gluchowski/Zelle 1992). Dies verleitete
einige Autoren zu dem – im Rückblick voreiligen – Schluß, die Bürgerinnen und
Bürger in den fünf neuen Ländern seien gewissermaßen in ihrer Mentalitätsentwicklung
auf dem Stand der 50er Jahre „stehengeblieben“. Dies wurde aber keineswegs negativ
beurteilt, da die Ostdeutschen damit vermeintlich über diejenigen mentalen
Prädispositionen verfügten, die im Westen der Republik dereinst das
„Wirtschaftswunder“ ermöglicht hatten. Daß die Bürgerinnen und Bürger aus der
ehemaligen DDR gleichzeitig deutlich demokratischer eingestellt waren als die
Westdeutschen, insbesondere was die „Akzeptanz der Konfliktdimension im
demokratischen Prozeß“ (Bauer 1991a: 122) angeht, paßte aber schon damals nicht
so recht zu dieser Interpretation.
Und so zeigte sich
auch sehr schnell, daß das Bild von den konservierten Überzeugungssystemen der
Ostdeutschen der empirischen Realität nicht gerecht werden konnte. So ging in
den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern die Befürwortung
des Leistungsprinzips und der Marktwirtschaft sehr schnell auf das Westniveau
zurück und sank sogar noch leicht unter dieses ab (Arzheimer/Klein 1997: 49).
Gleichzeitig zeigte sich ein deutlich höheres Ausmaß an
Verantwortungszuschreibung an den Staat sowie eine deutlich höhere Bedeutung
des Wertes der sozialen Gleichheit. Rückblickend bezweifelte man nun, ob die
Umfragezahlen aus den Jahren 1989/90 wirklich als valide „Nullmessungen“ der
politischen Orientierungen der Ostdeutschen interpretiert werden konnten. Die
besondere Situation der Wendezeit, die Marktwirtschaftseuphorie, die
Nicht-Vertrautheit der Ostdeutschen mit dem Instrumentarium der
Umfrageforschung sowie die wahrscheinlich starken Effekte der sozialen
Erwünschtheit wurden nun als Ursachen dafür angeführt, daß die Ergebnisse der ersten
Umfragen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR nicht die „wahre“ Meinungsverteilung
wiederspiegelten. Man nahm nun an, daß „langfristig erworbene ‚tieferliegende‘
politische Orientierungen durch die sich überstürzenden Ereignisse der Wende
und des Vereinigungsprozesses überlagert wurden, in empirischen Erhebungen
also nicht oder nur wenig zum Ausdruck kamen“ (Westle 1994: 573).
Mit zunehmendem
Abstand zur Wende wurde auch die Menge der verfügbaren Umfragedaten immer
größer, was die Zeichnung eines immer facettenreicheren Bildes der
Einstellungsunterschiede zwischen West- und Ostdeutschen ermöglichte. Nachdem
die Konservierungshypothese durch die empirischen Daten widerlegt war, wurden
in der Diskussion dann zwei konkurrierende Deutungen vorgeschlagen: Die
Kongruenz- und die Sozialisationshypothese. Die von Helmut Klages und Thomas
Gensicke vertretene Kongruenzhypothese war
dabei insofern eine Radikalposition, als sie behauptete, daß zwischen West- und
Ostdeutschen keine gravierenden Unterschiede in ihren gesellschaftspolitischen
Wertorientierungen bestünden (Klages/Gensicke 1992, 1993). Klages und Gensicke
argumentierten, daß der Wandel gesellschaftspolitischer Wertorientierungen in
erster Linie das Ergebnis sozialer Modernisierungsprozesse sei und daß sich in
Ostdeutschland vergleichbare Modernisierungsprozesse vollzogen hätten wie in
den alten Ländern. Die Stichworte in diesem Zusammenhang waren Tertiarisierung
der Wirtschaft, Wandel der Berufsstruktur, Bildungsexpansion, Verstädterung,
(relativer) Massenwohlstand und zunehmende Freizeit (Gensicke 1992a,b). In den
neuen Bundesländern hätten sich deshalb vergleichbare Wandlungsprozesse
vollzogen wie in Westdeutschland. Klages und Gensicke gingen dabei sogar so weit,
in diesem vermeintlichen Wertewandelsprozeß von den Pflicht- und Akzeptanz- zu
den Selbstentfaltungswerten die entscheidende Ursache für die friedliche
Revolution zu sehen. Daß diese Position eine radikale Überspitzung darstellte,
zeigte sich nicht zuletzt daran, daß alle empirischen Daten darauf hindeuteten,
daß sich in der ehemaligen DDR zwar tatsächlich ähnliche Veränderungsprozesse
vollzogen hatten wie in Westdeutschland, daß diese aber in aller Regel auf
einem niedrigeren Niveau und mit einer deutlich niedrigeren Geschwindigkeit
stattfanden. Außerdem zeigten
sich in der politischen Kultur der neuen Bundesländer einige auffällige
Besonderheiten, so daß es vielen Forschern unangemessen schien, pauschal von
einer Kongruenz der Überzeugungssysteme von West- und Ostdeutschen zu sprechen.
Die Diskussion um die
Entwicklung der politischen Kultur des vereinten Deutschlands wird mittlerweile
von der Sozialisationshypothese bestimmt
(Fuchs/Roller/Weßels 1997; Kaase/Bauer-Kaase 1998, Westle 1994). Diese geht im
Unterschied zur Konservierungshypothese davon aus, daß es in der ehemaligen DDR
durchaus einen Wandel gesellschaftspolitischer Wertorientierungen gab, und
grenzt sich von der Kongruenzhypothese durch die Zusatzannahme ab, daß dieser
Wertewandel vorrangig durch die Existenzbedingungen der Menschen in der
ehemaligen DDR geprägt war, also einen anderen Entwicklungspfad genommen hat
als der Wertewandel in der alten Bundesrepublik. Die gegenwärtig zu
beobachtenden Unterschiede in den politischen Orientierungen von West- und
Ostdeutschen sind dementsprechend das Ergebnis langfristig stabiler, im
Sozialisationsprozeß erworbener Wertorientierungen. Zwar wird in der Diskussion
neuerdings verschiedentlich die These vertreten die gegenwärtig beobachtbaren
Unterschiede in den Überzeugungssystemen von West- und Ostdeutschen seien
situativ bedingt (Pollack 1997, Veen 1997, Zelle 1998), d.h. das Ergebnis der
unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen in beiden Teilen
Deutschlands sowie ein Reflex auf die tatsächlichen oder vermeintlichen
„Diskriminierungserfahrungen der Ostdeutschen ..., die sich mit dem Trotz der
Zornigen dem neuen System teilweise verweigern und das Leben im alten
verteidigen“ (Kaina 2000: 132). Überzeugen können die Arbeiten, die diese
Argumentationslinie verfolgen, in aller Regel aber nicht. Zwar ist unbestritten,
daß die von den Anhängern einer solchen Situationshypothese
ins Feld geführten Faktoren einen Einfluß auf die hier untersuchten
politischen Orientierungen besitzen. Die bestehenden Ost-West-Unterschiede
können durch solche Faktoren aber keineswegs vollständig erklärt werden. In
multivariater Betrachtungsweise hat die regionale Zugehörigkeit in aller Regel
auch dann einen Effekt auf die gemessenen Orientierungen, wenn man für
Indikatoren kontrolliert, die geeignet sind, die unterschiedlichen
Lebensbedingungen in West- und Ostdeutschland zu erfassen (Arzheimer/Klein
1997; Klein 1998; Zelle 1998: 34).
Ein
weiteres überzeugendes Argument für die Existenz von Sozialisationseinflüßen
ist in einigen aus westdeutscher Sicht eigentümlichen Widersprüchlichkeiten in
den Überzeugungssystemen der Ostdeutschen zu sehen: So befürworten die
ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger zwar das Leistungsprinzip, lehnen aber
gleichzeitig die daraus notwendigerweise resultierende soziale Ungleichheit ab.
Sie plädieren für die Marktwirtschaft, wollen dem Staat gleichzeitig aber
weitreichenden Einfluß auf Löhne und Preise einräumen und ihn für die Bereitstellung
von Arbeitsplätzen und Wohnungen verantwortlich machen (vgl. Gluchowski/Zelle
1992, Gensicke 1992b, Bürklin 1993, Gabriel 1994). Erklärt werden diese
vermeintlichen Widersprüche durch den Verweis auf die offizielle politische Zielkultur der DDR, in deren Zentrum das Modell
des „sozialistischen Industriestaates“ gestanden habe, „in dem die als typisch
deutsch/preußisch/protestantisch geltenden Werte Leistung, Disziplin und
Aufstiegsorientierung mit den ideologischen Zielsetzungen eines egalitären
Sozialismus verbunden wurden“ (Bürklin 1993: 141): „Das Bekenntnis zu
Wirtschaftswachstum, Leistungsprinzip und technischem Können bei gleichzeitiger
Propagierung des formal damit im Widerspruch stehenden Ziels der egalitären
Gesellschaft“ (ebd. 142) habe entsprechend im Zentrum der offiziellen
politischen Kultur der DDR gestanden. Aus der Tatsache, daß sich diese eigentümliche
„Werte-Melange“ (Greifenhagen/Greifenhagen 1993: 173) auch in den Überzeugungssystemen
der ostdeutschen Menschen nachweisen lasse, könne folglich auf erfolgreiche Sozialisationsbemühungen
des SED-Regimes geschlossen werden. Zwar sei die ehemalige DDR durch eine politische
„Doppelkultur“ gekennzeichnet gewesen, also durch das Vorliegen einer informellen
politischen Kultur, die sich in den privaten Rückzugs-„Nischen“ der Menschen
neben der offiziellen Zielkultur entwickelt habe, doch sei diese von den
politischen Indoktrinationsversuchen des Regimes nicht völlig abgekoppelt
gewesen. Nach Sontheimer standen politische Zielkultur und politische
Realkultur vielmehr in einem interdependenten Verhältnis (Sontheimer 1990: 73).
Sozialisationseinflüsse
lassen sich aber nicht nur hinsichtlich der Einstellungen zum marktwirtschaftlichen
System nachweisen. Auch die Einstellungen der Ostdeutschen zur Demokratie
scheinen sich sozialisationsbedingt grundlegend von denen der Westdeutschen zu
unterscheiden. So konnte beispielsweise Dieter Fuchs (1997) zeigen, daß die
ostdeutsche Bevölkerung mehrheitlich dem Modell des demokratischen Sozialismus zuneigt (vgl. auch Weil 1997). Darin
unterscheide sie sich von der westdeutschen Bevölkerung, die eher ein liberales Modell der Demokratie
favorisiere. Diese beiden Demokratiemodelle unterscheiden sich hauptsächlich in
der unterschiedlich starken Betonung des Gleichheitsbegriffs. Während das von
den Westdeutschen präferierte liberale Demokratiemodell zwar eine soziale
Verpflichtung des Staates anerkennt, die sich in redistributiven
wohlfahrtsstaatlichen Aktivitäten niederschlägt, stellt das Modell des
demokratischen Sozialismus eine egalitäre „Radikalisierung des liberalen
Modells“ (Fuchs 1997: 89) dar. Neben der Forderung nach einer gerechten Versorgung
der Bürger mit gesellschaftlichen Grundgütern (vgl. auch Roller 1997), steht
insbesondere auch das Ziel einer „umfassenden und direkten Bürgerbeteiligung“
im Mittelpunkt dieses Demokratiemodells. Dieses Element wird nach Fuchs im
liberalen Modell zwar nicht explizit ausgeschlossen, „hat dort aber sicherlich
keinen zentralen Stellenwert“ (Fuchs 1997: 90). Die Ursache für diese
unterschiedlichen Demokratiekonzeptionen sieht Fuchs in den gänzlich unterschiedlichen
Erfahrungshintergründen von West- und Ostdeutschen. Er verweist somit auf die
Tatsache, daß das Leben im DDR-Sozialismus die Bevölkerung der fünf neuen
Bundesländer in ihren politischen Orientierungen und Erwartungen dauerhaft
geprägt habe, also deutliche Sozialisationseffekte erkennbar seien. Verstärkt
wurde dieser Sozialisationseffekt nach Dalton noch dadurch, daß die Bevölkerung
in der ehemaligen DDR zu umfassender Partizipation in verschiedenen sozialen
und politischen Gremien, Institutionen und Vereinigungen verpflichtet wurde: „A
large proportion of the public was involved in government advisory boards,
trade-union boards, work councils, parent-teacher bodies and similar
quasi-political structures. There
was also extensive participation in mass membership in social organizations and
political groups like the Free-German Youth or the Society for German-Soviet
Friendship. These various forms of citizen participation were considered
essential elements of East Germany´s model of socialist democracy, even if the
SED retained nearly all political power“ (Dalton 1994: 474). Womöglich
hatte die Ex-DDR also durch ihre umfassenden Beteiligungsrituale das Bedürfnis
der Menschen nach echter politischer
Beteiligung und Mitsprache erst geweckt.
Die im vorhergehenden
Abschnitt vorgestellten Befunde der empirischen Einstellungsforschung beziehen
sich fast ausnahmslos auf Daten, die bis Mitte der 90er Jahren erhoben wurden.
Am Ende des Jahrzehntes stellt sich nun die naheliegende Frage, ob es in den
fast zehn Jahren seit dem Fall der Mauer zu einer Annäherung zwischen Ost und
West gekommen ist. Insbesondere bei den jüngeren Ostdeutschen steht zu
erwarten, daß diese sich tendenziell ihren westdeutschen Altersgenossen
annähern: Zum einen, weil inzwischen eine Generation das Wahlalter erreicht,
die den größten Teil ihrer formativen Phase bereits im vereinten Deutschland
erlebt hat, zum anderen, weil die Orientierungen jüngerer Menschen auch nach
Abschluß der formativen Phase weniger stabil sind als die der älteren (vgl. für
das Beispiel der Parteiidentifikation u.a. Jennings/Markus 1984). Auch bei den
älteren unter den neuen Bundesbürgern kann jedoch nicht ausgeschlossen werden,
daß Einstellungen und insbesondere Wertorientierungen sich in den Jahren seit
der Vereinigung partiell den neuen Lebensbedingungen angepaßt haben.
Ausgangspunkt unserer Untersuchung muß deshalb eine Bestandsaufnahme der
Unterschiede zwischen Ost und West im Jahre 1998 sein.
Gesellschaftspolitische Werte als „Konzeptionen
der wünschenswerten Gesellschaft“ stellen die Maßstäbe dar, anhand derer die
Bürger die Gesellschaft beurteilen, in der sie leben. Ein zentrales
Charakteristikum jeder Gesellschaft ist die politische Herrschaftsordnung. In
einem ersten Analyseschritt untersuchen wir deshalb, welche Unterschiede
hinsichtlich der Unterstützung demokratischer Werte zwischen Ost- und Westdeutschen
bestehen.
Der Fragebogen enthält mit dem Item „Die
Demokratie ist die beste Staatsidee“ eine Frage, die direkt auf den Bereich der
demokratischen Werte zielt.[1]
Hier zeigen sich auch 1998 noch – Vergleichswerte für 1994 stehen leider nicht
zur Verfügung – dramatische Ost-West-Unterschiede. Während fast 60 Prozent der
westdeutschen Befragten der Aussage, die Demokratie sei die beste Staatsidee,
voll und ganz zustimmen, gilt dies für weniger als ein Drittel der ostdeutschen
Befragten (vgl. Tabelle 1). Zwar gibt es auch im Osten Deutschlands nur wenige
Bürger, die die Idee der Demokratie rundheraus ablehnen, jedoch zeigen sich die
befragten Ostdeutschen in einem durchaus bedenklichen Umfang indifferent
gegenüber der demokratischen Staatsform. Dieser Befund ist um so erstaunlicher,
als es den Bürgern in den neuen Ländern erstmals in der deutschen Geschichte
gelungen war, aus eigener Kraft eine demokratische Revolution zum Erfolg zu
führen. Er ist darüber hinaus kaum mit neueren Forschungsergebnissen zu vereinbaren,
nach denen die Ostdeutschen sehr wohl demokratisch eingestellt sind, aber ein
sozialistisches Demokratiemodell favorisieren (Arzheimer/Klein 1997; Fuchs
1997).
Die naheliegende Vermutung, daß die Frage von
den ostdeutschen Befragten trotz ihres manifesten Inhaltes nicht mit dem
Prinzip der Demokratie, sondern mit der Praxis des bundesdeutschen Herrschafts-
und Wirtschaftssystem assoziiert werden könnte, läßt sich rasch widerlegen,
indem man nach dem Gegenpol zur Idee der Demokratie fragt: Während die Aussage,
unter Umständen sei eine Diktatur die
bessere Staatsform, in den alten Ländern von 68 Prozent der Befragten
vollständig abgelehnt wurde, lag der Anteil der Ablehnung in den neuen Ländern
lediglich bei 39 Prozent (vgl. Tabelle 1). Eine zustimmende Antwort auf diese
Frage kann jedoch nicht unbedingt als Votum für die sofortige Abschaffung der
Demokratie gelten. Sie ist vielmehr prima facie so zu verstehen, daß der
Befragte unter Umständen bereit ist, den Wert „Demokratie“ anderen, im
Fragetext nicht spezifizierten Werten (Effizienz, Sicherheit) unterzuordnen und
die Staatsleitung in die Hände eines „starken Mannes“ zu legen. Die ostdeutschen
Konzeptionen der wünschenswerten Gesellschaft sind also im Mittel deutlich autoritärer
und – wie der nächste Analyseschritt zeigt – (noch) weniger pluralistisch als
die westdeutschen.
Pluralismus, verstanden als legitime Konkurrenz
organisierter Interessen im demokratischen
Staat, stellt ohne Zweifel einen demokratischen
Wert dar. Vom Standpunkt eines identitären Demokratiekonzeptes aus ließe sich
zwar argumentieren, daß unter Umständen auch die Negation dieses Prinzipes,
nämlich die Orientierung an einem homogenen Gemeinwohl, als eine demokratische
„Konzeption der wünschenswerten Gesellschaft“ gelten müsse. Die Ablehnung des
entsprechenden Items wäre dann nicht als mangelnde Unterstützung eines
demokratischen Wertes, sondern als einen Entscheidung für eine bestimmte
Variante der Demokratie zu verstehen. Die relativ harte Formulierung des von
uns verwendeten Items – Gruppen- und Verbandsinteressen sollten sich
„bedingungslos“ dem Allgemeinwohl unterordnen – spricht aber gegen diese
Interpretation. Die Vorstellung, daß die Interessen einer bestimmten Gruppe im
politischen Prozeß überhaupt nicht berücksichtigt werden, ist unseres Erachtens
auch mit einem „demokratisch-sozialistischen“ oder einem „republikanischen“
Modell der Demokratie (vgl. Fuchs 1997: 88) nicht zu vereinbaren.
Dennoch stimmt eine Mehrheit von 55 Prozent der
ostdeutschen Befragten diesem Item, das wir als einen validen Indikator für
Anti-Pluralismus betrachten, ganz oder teilweise zu (vgl. Tabelle 1).[2]
Der Vergleichswert für die alten Länder unterscheidet sich mit 39 Prozent deutlich
von dieser Quote, liegt aber ebenfalls bemerkenswert hoch, was als ein Relikt
der traditionellen deutschen Gemeinwohlorientierung interpretiert werden kann.
Erstaunlicherweise werden aber institutionelle Garantien wie das Recht auf
Meinungsfreiheit und die Existenz einer legitimen Opposition, die gerade die
Voraussetzungen für einen pluralistischen Wettbewerb der Interessen sichern
sollen, in den neuen Ländern im gleichen Umfang unterstützt wie in den alten
Ländern (vgl. Tabelle 1) – ein weiteres Beispiel dafür, daß sich auch am Ende
der 90er Jahre Widersprüche in den Überzeugungssystemen vieler Ostdeutscher
nachweisen lassen.
Vor dem Hintergrund der Ergebnisse der
politischen Kulturforschung liegt für diesen zunächst etwas rätselhaften Befund
eine bestimmte Interpretation nahe: Demokratische Rechte und Regeln, so könnte
man vermuten, finden in den neuen Ländern breite Zustimmung, ohne daß diese
positive Einschätzung der neuen Ordnung schon durch tiefer verankerte Wertorientierungen
dauerhaft abgestützt würde. Die Parallelen zur Situation in den alten Ländern
nach Kriegsende wären dann offensichtlich. Beim derzeitigen Kenntnisstand über
die Entwicklung der nach den Maßstäben der politischen Kulturforschung immer
noch sehr jungen ostdeutschen Teilgesellschaft handelt es sich bei dieser
Überlegung allerdings lediglich um eine plausible Vermutung. Zu ihrer
empirischen Absicherung bedarf es einer längeren Zeitreihe.
Tab. 1: Demokratische Wertorientierungen
in West- und Ostdeutschland 1998
|
|
|
West |
Ost |
D |
|
Bewertung
der Demokratie als Staatsidee |
|
|
|
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|
Was würden Sie, im Vergleich zu anderen Staatsideen, zur
Idee der Demokratie sagen? Nehmen Sie dazu bitte folgende Skala. Die Zahl „1“
bedeutet, daß die Demokratie die beste vorstellbare Staatsidee ist, die Zahl
„6“ bedeutet, daß die Demokratie die schlechteste vorstellbare Staatsidee
ist. Mit den Zahlen dazwischen können Sie Ihre Meinung abstufen. |
1 2 3 4 5 6 |
58,5 26,3 11,8 2,8 0,5 0,2 |
29,9 34,6 25,2 7,8 2,4 0,1 |
0,33 |
|
Bewertung
der Diktatur als Staatsidee |
|
|
|
|
|
Unter bestimmten Umständen ist eine Diktatur die bessere
Staatsform. Der Wert - 2 bedeutet, daß
Sie dieser Meinung überhaupt nicht zustimmen, + 2 bedeutet, daß Sie ihr voll
und ganz zustimmen. Mit den Werten dazwischen können Sie Ihre Meinung abstufen. |
-2 -1 0 1 2 |
68,4 12,6 11,7 5,6 1,6 |
38,5 22,4 21,0 15,6 2,6 |
0,31 |
|
Unterstützung
für das Prinzip des Pluralismus |
|
|
|
|
|
Gruppen- und Verbandsinteressen sollten sich
bedingungslos dem Allgemeinwohl unterordnen. Der Wert - 2 bedeutet, daß
Sie dieser Meinung überhaupt nicht zustimmen, + 2 bedeutet, daß Sie ihr voll
und ganz zustimmen. Mit den Werten dazwischen können Sie Ihre Meinung abstufen |
-2 -1 0 1 2 |
9,4 |
5,7 |
|
|
Bedeutung
der Opposition für die Demokratie |
|
|
|
|
|
Eine lebensfähige Demokratie ist ohne politische Opposition
nicht denkbar. Der Wert - 2 bedeutet, daß
Sie dieser Meinung überhaupt nicht zustimmen, der Wert +2 bedeutet, daß Sie
ihr voll und ganz zustimmen. Mit den Werten dazwischen können Sie ihre
Meinung abstufen |
-2 -1 0 1 2 |
0,7 |
0,9 |
|
|
Bewertung
des Rechts auf Meinungsfreiheit |
|
|
|
|
|
Jeder sollte das Recht haben, für seine Meinung
einzutreten, auch wenn die Mehrheit anderer Meinung ist Der Wert - 2 bedeutet, daß
Sie dieser Meinung überhaupt nicht zustimmen, der Wert + 2 bedeutet, daß Sie
ihr voll und ganz zustimmen. Mit den Werten dazwischen können Sie ihre Meinung
abstufen |
-2 -1 0 1 2 |
0,4 |
0,3 |
|
Schon bald nach der Wiedervereinigung, die sich
ja im wesentlichen als Ausdehnung der politischen Institutionen auf das
„Beitrittsgebiet“ vollzog, wurden Zweifel laut, ob die gesellschaftspolitischen
Wertorientierungen der neuen Bundesbürger mit den Anforderungen des neuen
Staates kompatibel seien. Diese Zweifel bezogen sich nicht nur auf die
Unterstützung der Demokratie, sondern vor allem auch auf die Anerkennung der
marktorientierten Wirtschaftsordnung.
Die Situation zu Beginn der 90er Jahre gab Anlaß
für widersprüchliche Vermutungen: Einerseits hatte die weitverbreitete
Unzufriedenheit mit der sozialistischen Mangelwirtschaft dazu beigetragen, die
Legitimität des SED-Regimes zu untergraben. Andererseits war aber auch hier mit
Sozialisationseffekten zu rechnen. Zudem schürten Privatisierung und
Liquidierung zahlreicher ostdeutscher Betriebe, die daraus resultierende
Massenarbeitslosigkeit und die Verödung ganzer Landstriche und nicht zuletzt
die parallele Schließung betrieblicher Sozialeinrichtungen (Kinderkrippen,
Sportvereine etc.) Ressentiments gegen die Marktwirtschaft.
Als ähnlich widersprüchlich erwiesen sich die
empirischen Befunde: Obwohl die Ostdeutschen, was die individuelle
Lebensführung angeht, sogar etwas ehrgeiziger und leistungsorientierter
erscheinen als die Westdeutschen (vgl. z.B. Gensicke 1998: 84ff) bevorzugen sie
doch, wie oben bereits angesprochen, eine egalitärere Gesellschaftsordnung und
wünschen sich einen starken, redistributiven Staat, der den einzelnen vor
Lebensrisiken schützt (vgl. Arzheimer/Klein 1997).
Ähnliche Widersprüche lassen sich auch in den
uns zur Verfügung stehenden Daten nachweisen. Bittet man die Bürger in den
alten und den neuen Ländern, ihre gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen in
eine Rangfolge zu bringen,[3]
ergeben sich vergleichbare Verteilungen (D=-0,05). In beiden Regionen nimmt das
Leistungsprinzip eine Position im oberen Mittelfeld ein (vgl. Tabelle 2). 51
(West) bzw. 57 (Ost) Prozent der Befragten plazieren die „Gesellschaft, in der
man es durch Leistung zu etwas bringen kann“, auf einem der ersten drei Ränge.
Zugleich scheinen die Ostdeutschen jedoch mit den Ergebnissen, die aus der
Anwendung des Leistungsprinzips resultieren, nicht einverstanden zu sein. Denn
eine Mehrheit von 53 Prozent der Befragten ist davon überzeugt, die
Einkommensverteilung in der früheren DDR, die dem „sozialistisch-egalitären
Prinzip der ‚Annäherung aller Klassen und Schichten‘ verpflichtet“ war und „die
materielle Lage der verschiedenen Bevölkerungsgruppen immer mehr angleichen“
sollte (Geißler 1992: 53), „viel gerechter“ oder zumindest „gerechter“ gewesen
sei (vgl. Tabelle 2). Dieser Befund deutet auf jene „mentalen Inkonsistenzen“
im Einstellungshaushalt vieler Ostdeutscher hin, deren Existenz wir an anderer
Stelle (Arzheimer/Klein 1997: 58) vermutet hatten, aber wegen einer
Unzulänglichkeit des dort verwendeten Instruments nicht überprüfen konnten.
Unabhängig von diesen möglichen Widersprüchen in
den Überzeugungssystemen der neuen Bundesbürger stellt sich die Frage, in welchem
Ausmaß in diesem Bereich die Orientierungen von Ost- und Westdeutschen
voneinander abweichen. Mit dem Statement „Der Sozialismus ist eine gute Idee,
die nur schlecht ausgeführt wurde“ enthält der Fragebogen ein Item, das direkt
auf die Orientierungen zur Wirtschafts- und Sozialordnung zielt. Ähnlich wie
bei der Frage nach der Idee der Demokratie steht hier nicht die Praxis, sondern
das Prinzip des Ordnungsmodells im
Vordergrund. Wie aus Tabelle 2 hervorgeht, zeigen sich auch acht Jahre nach der
Wiedervereinigung immer noch beträchtliche (D=-0,48) Unterschiede zwischen Ost-
und Westdeutschen. Während in den alten Ländern nur rund 8 Prozent der
Befragten der Aussage, beim Sozialismus handele es sich im Grunde um eine gute
Idee, zustimmen, liegt dieser Anteil in den neuen Ländern mehr als dreimal so
hoch. Umgekehrt lehnen 32 Prozent der Westdeutschen die Idee des Sozialismus völlig ab. Dagegen gibt es im Osten lediglich
6 Prozent radikale Gegner dieses Prinzips.
Auch in ihren Vorstellungen, in welchen Bereichen
und in welchem Umfang der Staat Einfluß auf Wirtschaft und Gesellschaft nehmen
soll, unterscheiden sich alte und neue Bundesbürger deutlich. Angesichts der
Debatte um den Umbau des Sozialstaates, die hohen Sozialabgaben und die Zukunft
des Wirtschaftsstandorts Deutschland gerät leicht in Vergessenheit, daß die
Staatstätigkeit in der alten Bundesrepublik zwar in absoluten Zahlen einen
hohen Stand erreicht hatte, dabei aber durchaus dem Niveau vergleichbarer
Staaten entsprach. Was die Einnahmen und Ausgaben des Staates betrifft, nahmen
die alten Länder unmittelbar vor der Wiedervereinigung im europäischen
Vergleich[4]
eine Mittelposition ein (vgl. Goldsmith 1995: 36, 38). Während der ersten
beiden Legislaturperioden der Regierung Kohl waren die (auf das Bruttoinlandsprodukt
bezogenen) Ausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden sogar leicht gesunken.
Neben diesen objektiven Größen gingen seit Mitte der 70er Jahre in der alten Bundesrepublik
auch die Erwartungen an den Staat
leicht zurück (vgl. Huseby 1995: 96-97). Insbesondere die Wirtschaftsförderung,
die Kontrolle der Verbraucherpreise und die Verringerung von
Einkommensunterschieden sollten nach Ansicht einer wachsenden Zahl Westdeutscher
keine Ziele staatlichen Handelns sein. Während die Bürger der alten Bundesrepublik
mit ihren Erwartungen an den Staat noch Mitte der 70er zur europäischen
Spitzengruppe gehörten, wiesen sie 1985 und 1990 über verschiedene mögliche
Aufgabenfelder hinweg das niedrigste mittlere Erwartungsniveau in den
untersuchten europäischen Staaten auf. Die Ostdeutschen hingegen orientierten
sich zu Beginn der 90er Jahre weiterhin an den sozialpolitischen Standards der
früheren DDR und wollten den Bereich der staatlichen Verantwortung tendenziell
ausdehnen (Roller 1997: 126ff).
Die Analyse von drei Indikatoren, die aus dem
Programm des ISSP von 1985, 1990 und 1996 (Role of Government I-III) in unseren
Fragebogen übernommen wurden, zeigt, daß sich alte und neue Bundesbürger in
ihren gesellschaftspolitischen Orientierungen auch am Ende des Jahrzehnts
deutlich unterscheiden. Vergleichsweise moderate (D=-0,10) Unterschiede bestehen
dabei hinsichtlich der Frage, ob der Staat die Industrie bei der Förderung von
neuen Technologien und Produkten unterstützen solle. Nach Ansicht von 33
Prozent der westdeutschen und 43 Prozent der ostdeutschen Befragten gehört dies
zu den Aufgaben des Staates (vgl. Tabelle 2).
Dramatischere (D=-0,18) Differenzen zeigen sich
hingegen bei der Verantwortung für die Gleichstellung von Frauen. Für mehr als
die Hälfte der Bürger in den neuen Ländern, aber nur für 39 Prozent der
Westdeutschen ist der Staat „auf jeden Fall“ für die faktische Gleichstellung
der Geschlechter verantwortlich (vgl. Tabelle 2). Diese Unterschiede lassen
sich vermutlich auf die frauenpolitischen Positionen der SED[5]
und vor allem auf die – verglichen mit der Bundesrepublik – sehr hohe[6]
Frauenerwerbsquote in der früheren DDR zurückführen. Die Präsenz der Frauen im
Erwerbsleben dürfte einerseits im Sinne eines tertiären Sozialisationsprozesses
das Weltbild und damit die Wertorientierungen von Frauen und Männern verändert haben. Andererseits haben Frauen ebenso wie
deren Familienangehörige nach dem Zusammenbruch des staatlichen bzw.
halbstaatlichen Systems der Kinderbetreuung, das die Voraussetzung für diese
auch im internationalen Vergleich sehr hohe Frauenerwerbsquote darstellte,
sicher auch ein rein ökonomisches Interesse an frauenpolitischen Fragen.
Noch stärkere Unterschiede (D=-0,24) bestehen
schließlich erwartungsgemäß beim Thema Arbeitslosigkeit. Der sehr weitgehenden
Forderung, der Staat solle „einen Arbeitsplatz für jeden bereitstellen, der
arbeiten will“, also notfalls umfangreiche Beschäftigungsprogramme auflegen,
stimmt bereits in den alten Ländern mit 42 Prozent ein erstaunlich hoher
Prozentsatz der Befragten zu. Im Gebiet der früheren DDR nähert sich der Anteil
derjenigen, die den Staat „auf jeden Fall“ für die Bereitstellung von
Arbeitsplätzen verantwortlich machen, mit 65 Prozent der Zwei-Drittel-Marke an.
Situationale Einflüsse, d.h. die vergleichsweise schlechte ökonomische Lage in
den neuen Ländern, spielen hier sicherlich eine Rolle.[7]
Wichtiger sind unserer Meinung nach aber langfristig wirksame Faktoren, nämlich
die Sozialisation in einem Staat, der die Erwerbsarbeit zum Leitwert erhoben hatte
und sich selbst zu einem erheblichen Teil dadurch definierte, daß er steuernd
in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung eingriff.
Tab. 2: Einstellungen zur Wirtschafts- und
Sozialordnung sowie zu den Aufgaben des Staates in West- und Ostdeutschland
1998
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West |
Ost |
D |
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Bewertung des
Leistungsprinzips |
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Ich habe hier einige
Kärtchen über Dinge, die einem in der Gesellschaft wichtig sein können.
Bitte ordnen Sie diese Kärtchen einmal danach, wie wichtig diese Dinge Ihnen
persönlich sind. Das heißt, was für Sie am allerwichtigsten ist, liegt ganz
oben, das zweitwichtigste darunter usw. Ich
möchte in einer Gesellschaft leben, in der man es durch Leistung zu etwas
bringen kann |
1. 2. 3. 4. 5. 6. |
16,0 14,7 19,8 20,9 17,8 10,8 |
15,5 18,4 23,4 17,3 14,3 11,1 |
-0,05 |
|
Bewertung der Einkommensverteilung in der früheren DDR
(nur neue Länder) |
||||
|
Denken Sie noch einmal an
Ihr Leben in der damaligen DDR vor Juli 1989 zurück. Ich lese Ihnen jetzt
verschiedene politische und gesellschaftliche Bereiche vor. Fanden Sie die
folgenden Bereiche in der damaligen DDR vor der Wiedervereinigung:
viel besser (1), besser (2), gleich (3), schlechter (4) oder viel schlechter
(5) als es heute in Ostdeutschland ist? Gerechtigkeit
der Einkommensverteilung |
1 |
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10,1 43,1 17,8 25,2 3,8 |
|
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Bewertung
der Idee des Sozialismus |
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Der Sozialismus ist eine gute Idee, die bisher nur
schlecht ausgeführt wurde. Der Wert - 2 bedeutet,
daß Sie dieser Meinung überhaupt nicht zustimmen, + 2 bedeutet, daß Sie ihr
voll und ganz zustimmen. Mit den Werten dazwischen können Sie Ihre Meinung
abstufen. |
-2 -1 0 1 2 |
32,1 |
6,2 |
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Staatliche Verantwortung für Wirtschaftsförderung |
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|
Bitte geben Sie anhand
dieser Liste an, inwieweit die dort aufgeführten Dinge in der
Verantwortlichkeit des Staates liegen sollten. Unterstützung der
Industrie bei der Entwicklung von Der Staat sollte:
auf jeden Fall verantwortlich sein (1), teilweise verantwortlich sein (2),
eher nicht verantwortlich sein, auf keinen Fall verantwortlich sein (4) |
2 3 4 |
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Staatliche Verantwortung
für die Gleichstellung der Frau |
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|
Bitte geben Sie anhand
dieser Liste an, inwieweit die dort aufgeführten Dinge in der
Verantwortlichkeit des Staates liegen sollten. Die Gleichstellung von
Frauen fördern Der Staat sollte: auf
jeden Fall verantwortlich sein (1), teilweise verantwortlich sein (2), eher
nicht verantwortlich sein, auf keinen Fall verantwortlich sein (4) |
2 3 4 |
|
|
|
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Staatliche Verantwortung für Vollbeschäftigung |
||||
|
Bitte geben Sie anhand
dieser Liste an, inwieweit die dort aufgeführten Dinge in der
Verantwortlichkeit des Staates liegen sollten. Einen Arbeitsplatz für jeden bereitstellen, der
arbeiten will Der Staat sollte: auf
jeden Fall verantwortlich sein (1), teilweise verantwortlich sein (2), eher
nicht verantwortlich sein, auf keinen Fall verantwortlich sein (4) |
2 3 4 |
|
|
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Das zweifelsohne am weitesten verbreitete
Instrument zur Messung gesellschaftspolitischer Wertorientierungen ist der
sogenannte Inglehart-Index. Auf die umfangreiche theoretische und methodische
Kritik, die gegen den Inglehart-Index vorgebracht wurde, können wir an dieser
Stelle nur summarisch hinweisen. Ohne näher auf die bekannten Schwächen der
Inglehartschen Theorie des postmaterialistischen Wertewandels und des
dazugehörigen Instrumentes einzugehen, läßt sich festhalten, daß für das Gebiet
der neuen Bundesländer aus mehreren Gründen ein niedrigerer Anteil von
Postmaterialisten zu erwarten ist:
1. Postmaterielle
Werte im Sinne Ingleharts sind mit den politischen Zielen der „neuen“ Linken
(Betonung von Selbst- und Mitbestimmung sowie anderer immaterieller Güter, z.B.
saubere Umwelt etc.) assoziiert. Der Marxismus-Leninismus als Staatsideologie
der untergegangenen DDR hingegen beinhaltete die Ziele der „alten“ Linken, d.h.
vor allem die Befriedigung der materiellen Ziele der Arbeiterklasse. Auch wenn
das DDR-System letztlich am Widerstand der Bevölkerung gescheitert ist, wäre es
unplausibel anzunehmen, daß vierzig Jahre Sozialismus gerade in diesem Bereich
keinerlei Spuren in den Wertorientierungen der Bevölkerung hinterlassen haben
sollten.
2. Nach
Inglehart ist eine Voraussetzung für die Entstehung postmaterialistischer
Wertorientierungen ein materieller Überfluß während der formativen Phase. Diese
Bedingung war für die DDR zu keinem Zeitpunkt ihrer Geschichte erfüllt. Geht
man darüber hinaus davon aus, daß abweichend von Ingleharts Theorie die Messung
mit dem Inglehart-Instrument auch von der aktuellen
wirtschaftlichen Lage beeinflußt wird (Clarke et al. 1999), erscheint es
noch unwahrscheinlicher, daß die Bürger in den neuen Ländern im gleichen Umfang
postmaterialistische Wertorientierungen zeigen wie die Westdeutschen.
3. Schließlich
ist der Zusammenhang zwischen einer Beschäftigung in einem bestimmten
Teilbereich (Schulen, Hochschulen, soziale Einrichtungen) des öffentlichen
Sektors und „neuen“ Wertorientierungen empirisch gut belegt. Die Angehörigen
dieser Teilgruppe des neuen Mittelstandes gelten als die eigentlichen Träger
des Wertewandels. Im Anschluß an Herbert Kitschelt (1995) kann dieser
Zusammenhang auch ohne Rückgriff auf Ingleharts umstrittene Thesen theoretisch
plausibel erklärt werden. Folgt man Kitschelts Ansatz, so bilden sich stabile
politische Präferenzen auch im Verlaufe der tertiären Sozialisation während des
Berufslebens heraus (Kitschelt 1995: 4ff). So führt die weitgehend selbständige,
hochqualifizierte, symbol- und personenzentrierte Tätigkeit in einem Bereich,
in dem bis vor kurzem von wirtschaftlichen Zwängen noch nichts zu spüren war,
zur Herausbildung postmaterialistischer (in Kitschelts Terminologie:
links-libertärer) Wertorientierungen. Diese spezifische Kombination von
Arbeitsbedingungen gab es in den neuen Ländern nicht: Zwar war der hypertrophe
öffentliche Sektor den Marktgesetzen ebenfalls entzogen. Charakteristisch für
das zentralistisch-hierarchische System der Planwirtschaft war aber die
Orientierungen an den Arbeitsabläufen der klassischen Fabrik und damit gerade
ein Mangel an Entscheidungsfreiheit.
In einem Land, dessen organisatorische Struktur sich bis zuletzt am Leitbild
des Industriekombinates orientierte, sollten sich vielmehr links-autoritäre Wertvorstellungen entwickeln.
Diese Annahmen haben sich seit 1990 in
zahlreichen Untersuchungen bestätigt. Auch 1998 zeigen sich noch die erwarteten
Differenzen zwischen beiden Regionen (vgl. Tabelle 3). Die Westdeutschen weisen
nach wie vor einen etwas höheren Anteil an Postmaterialisten und einen etwas
niedrigeren Anteil an Materialisten auf als die Ostdeutschen. Der Anteil der
Mischtypen hingegen ist in beiden Regionen praktisch identisch. Allerdings
haben sich die Unterschiede zwischen Ost und West gegenüber der
Querschnittuntersuchung von 1994 (D=-0,11) reduziert und sind nun relativ
(D=-0,08) schwach ausgeprägt.
Tab. 3: Anteil der
verschiedenen Inglehart-Wertetypen nach Region
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West |
Ost |
D |
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Inglehart-Index |
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Auch in der Politik
kann man nicht alles auf einmal haben. Auf dieser Liste finden Sie einige
Ziele, die man in der Politik verfolgen kann. Aufrechterhaltung
von Ruhe und Ordnung in diesem Land Mehr
Einfluß der Bürger auf die Entscheidungen der Regierung Kampf
gegen die steigenden Preise Schutz des Rechts auf
freie Meinungsäußerung Wenn Sie zwischen diesen
verschiedenen Zielen wählen müßten, welches Ziel erschiene Ihnen persönlich am wichtigsten? Und welches Ziel
erschiene Ihnen am zweitwichtigsten? |
MAT |
22,7 |
27,7 |
|
Unsere Analysen haben gezeigt, daß neun Jahre
nach dem Fall der Mauer nach wie vor deutliche Unterschiede zwischen den
gesellschaftspolitischen Wertorientierungen von Ost- und Westdeutschen
bestehen. Dieser Befund spricht bei aller gebotenen Vorsicht für das Fortwirken
starker Sozialisationseffekte in den neuen Ländern. Damit stellt sich als
nächstes die Frage, ob es in absehbarer Zeit zu einer Angleichung der
ostdeutschen Wertorientierungen an den Westen kommen kann, oder ob weiterhin
eine politische Sonderkultur des Ostens fortbestehen wird. Wie läßt sich diese
Frage mit dem vorhandenen Material beantworten?
Aus dem sozialisationstheoretischen Ansatz
folgt, daß sich eine Angleichung zwischen Ost und West zuerst bei den jüngeren
Bürgern beobachten lassen müßte. Während die Orientierungen derjenigen, deren
politische Sozialisation zur Zeit der „Wende“ in der früheren DDR abgeschlossen
war, relativ stabil bleiben und sich den veränderten Lebensumständen nur
langsam anpassen sollten, rechnen wir damit, daß sich die Orientierungen der
Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den neuen Ländern denen ihrer
westdeutschen Pendants annähern, weil beide unter vergleichbaren Bedingungen
sozialisiert wurden. Dies sollte insbesondere für die Gruppe der Höhergebildeten
gelten, da Bildungseinrichtungen einen erheblichen Einfluß auf die Entwicklung
gesellschaftspolitischer Wertorientierungen ausüben und die Lehrpläne rasch den
westdeutschen Vorgaben angepaßt wurden.
Aus diesen Überlegungen ergibt sich die
Analysestrategie, die wir in diesem Abschnitt verfolgen: Die wichtigsten der
oben beschriebenen Ost-West-Unterschiede werden nun noch einmal getrennt nach
Alter und formaler Bildung der Befragten betrachtet. Dabei interpretieren wir
das Alter als Proxi-Variable für eine ganze Reihe von
Sozialisationserfahrungen, die für bestimmte politische Generationen prägend
waren und deren Wertorientierungen nachhaltig beeinflußt haben. Solche
Generationeneffekte können wir mit dem uns zur Verfügung stehenden
Datenmaterial nicht von etwaigen Lebenszykluseffekten trennen. Für unsere
spezielle Fragestellung ist dies aber kein allzu großes Problem: Vor dem
Hintergrund von zwei Weltkriegen und vier Regimewechseln im Verlauf von nur 70
Jahren sollten Generationeneffekte eine größere Bedeutung haben als
Lebenszykluseffekte.
Zur Einteilung der Deutschen in politische
Generationen wurde eine Reihe von Vorschlägen gemacht. Diese teils
hochdifferenzierten Modelle können jedoch für eine statistische Auswertung
nicht direkt fruchtbar gemacht werden. Erstens unterscheiden sich die
jeweiligen Stichdaten für Ost- und Westdeutschland, zweitens sind die Gruppen
so eng definiert, daß sich allein aufgrund der niedrigen Fallzahlen in einer
repräsentativen Stichprobe keine signifikanten Differenzen mehr nachweisen
lassen. Deshalb haben wir uns für eine Einteilung der Altersgruppen
entschieden, die sich an pragmatischen Kriterien orientiert: Für unsere Analyse
besonders interessant ist die Gruppe der 16-30 Jährigen, weil diese ihre
politisch formative Phase (ca. Ende des ersten bis Ende des zweiten
Lebensjahrzehntes) bereits teilweise oder ganz im vereinigten Deutschland
erlebt hat. Die Befragten der Geburtsjahrgänge 1968-1982 wurden deshalb dieser
ersten Altersgruppe zugeordnet. Die übrigen Intervalle (31-40, 41-50, 51-65,
älter als 65, was den Geburtsjahrgängen 1958-1967, 1948-1957, 1933-1947 sowie
1906-1932 entspricht) wurden so gewählt, daß in etwa gleich große Gruppen
gebildet werden konnten, die zugleich theoretisch nicht unplausibel sind. Eine
stärkere Differenzierung wäre insbesondere im Falle der älteren Befragten wünschenswert,
scheitert aber an der geringen Zahl der Fälle.
Auch der formalen Bildung der Befragten ordnen
wir per se keine Erklärungskraft zu. Vielmehr steht der erreichte
Bildungsabschluß nach unserem Verständnis ebenfalls als Proxi-Variable
stellvertretend für eine Reihe sekundärer Sozialisationsprozesse, in denen
insbesondere höhere Bildungsinstitutionen (Gymnasien und Universitäten) eine
zentrale Rolle spielen. Wegen der
besonderen Bedeutung der höheren Bildungseinrichtungen wurden die formalen
Bildungsabschlüsse dichotomisiert, d.h., alle Abschlüsse unterhalb des Abiturs
wurden als „niedrig“, Hochschulreife und ggf. Hochschulabschlüsse als „hoch“
kodiert. Eine weitere sozio-demographische Variable, die stellvertretend für
Sozialisationprozesse stehen kann, nämlich das Geschlecht, bleibt
unberücksichtigt, da sich in unseren Analysen keine substantiellen
Zusammenhänge mit den hier betrachteten Orientierungen gezeigt haben.
Die hier präsentierten Ergebnisse beruhen auf
Varianzanalysen (ANOVA), in denen die jeweiligen Wertorientierungen auf die
Kombination der Faktoren Region, Generation und Bildungsschicht zurückgeführt
werden. Zur Darstellung der Ergebnisse verwenden wir im folgenden statt der in
unserem Falle recht umfangreichen ANOVA-Tabellen sogenannte Profildiagramme,
mit deren Hilfe sich die für unsere Fragestellung besonders interessanten
Interaktionen zwischen den unabhängigen Variablen anschaulich und kompakt
darstellen lassen. Bei den Eintragungen handelt es sich um Modellschätzungen
für die Gruppenmittelwerte. Im Mittel können rund zehn Prozent der Varianz in
den Wertorientierungen auf die drei Faktoren und ihre Interaktionen
zurückgeführt werden.
Abbildung 1 zeigt das Profildiagramm für die Bewertung der Demokratie als Staatsidee. Eine Reihe von Effekten ist klar zu erkennen. Zunächst sticht der aus der bivariaten Betrachtung bekannte Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschen ins Auge.
Abbildung 1: Bewertung der Demokratie als Idee
nach Region, Alter und formaler Bildung
Im Osten (durchbrochene Linien) findet die
Demokratie als Idee generell weniger Unterstützung als im Westen (durchgezogene
Linien). Eine Ausnahme bilden hier lediglich die jungen Hochgebildeten, auf die
wir weiter unten ausführlicher angeheneingehen. Zweitens zeigt sich in beiden Regionen
ein recht ausgeprägter Bildungseffekt. Sowohl im Westen als auch im Osten wird
die Idee der Demokratie von Bürgen mit Hochschulreife deutlich höher geschätzt.
Dies gilt für alle Altersgruppen, allerdings variiert die Stärke des Effektes
zwischen den Generationen. Drittens schließlich fällt auf, daß die
Unterstützung für die Demokratie bei den 40 bis 65-Jährigen im Westen leicht
ansteigt. Ob es sich hier um einen Lebenszyklus- oder einen Generationen-Effekt
handelt, ist mit dem uns zur Verfügung stehenden Datenmaterial nicht zu klären.
Beides erscheint plausibel. Einerseits ist in diesem Lebensabschnitt das Ausmaß
der sozialen Integration besonders hoch, was nicht nur zu der vielfach
nachgewiesenen höheren Partizipationsbereitschaft, sondern auch zu einer
intensiveren Unterstützung demokratischer Werte führen könnte. Andererseits
finden sich in beiden Altergruppen Angehörige der 68er-Generation, die sich der
Demokratie in besonderer Weise verbunden fühlen dürften.
Am wichtigsten für unsere Fragestellung ist
jedoch die von uns prognostizierte Annäherung zwischen jungen Ost- und
Westdeutschen. Eine solche Tendenz läßt sich tatsächlich nachweisen, beschränkt
sich aber auf die Untergruppe der Hochgebildeten. In dieser Subgruppe ist auf
dem Fünfprozent-Niveau kein signifikanter[8]
Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschen zu beobachten. Durchaus
beunruhigend ist dagegen das geringe Ausmaß an Unterstützung für die Demokratie
bei den niedriggebildeten jungen Ostdeutschen. Von allen analysierten Gruppen
weisen sie die geringste Verbundenheit mit der Idee der Demokratie auf. Vor dem
Hintergrund der oft gewalttätigen Ausländerfeindlichkeit vieler ostdeutscher
Jugendlicher stellt sich hier die Frage, ob die Integration dieses
Bevölkerungsteiles in das neue demokratische System zu scheitern droht.
Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Frage, ob
eine Diktatur unter Umständen die bessere Staatsform sei (vgl. Abbildung 2). Auch
hier nähern sich die hochgebildeten jungen Ostdeutschen tendenziell der
westdeutschen Vergleichsgruppe an, die der Demokratie einen hohen Wert
zuspricht und autoritäre Ordnungsmodelle stark ablehnt. Die weniger gut
gebildeten Jugendlichen und jungen Erwachsenen hingegen scheinen sich eher mit
der Vorstellung einer Diktatur anfreunden zu können. Für sie stellt Demokratie
offensichtlich keinen absoluten Wert dar.
Bemerkenswert ist darüber hinaus der dramatische
Anstieg an Zustimmung bei den hochgebildeten älteren Befragten, insbesondere in
den neuen Ländern. Der häufig nachgewiesene Zusammenhang zwischen hoher
formaler Bildung und demokratischen Orientierungen kehrt sich in dieser
Altersgruppe um. Dieser Befund läßt sich plausibel darauf zurückführen, daß die
Befragten zu Zeiten („Drittes Reich“, DDR vor dem Mauerbau) sozialisiert
wurden, in denen in den höheren Bildungseinrichtungen eher autoritäre als
demokratische Werte vermittelten wurden und Übereinstimmung mit den Zielen des
jeweiligen (undemokratischen) Regimes ein Kriterium bei der Auswahl der Schüler
war.
Abbildung 2: „Diktatur unter Umständen besser“
nach Region, Alter und formaler Bildung
In der bivariaten Analyse haben wir bezüglich
der gewünschten Wirtschafts- und Sozialordnung nach wie vor drastische
Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen nachweisen können. Dies gilt auch,
wenn man Alter und formale Bildung als Kontrollvariablen einführt, wie aus
Abbildung 3 hervorgeht. Insbesondere im Westen wird die Idee des Sozialismus
über alle Alters- und Bildungsgruppen hinweg nahezu einhellig abgelehnt.
Abbildung 3: Bewertung des Sozialismus nach Region, Alter und formaler Bildung
Umgekehrt wird die Idee des Sozialismus von den
ostdeutschen Befragten im Mittel fast durchgängig positiv bewertet. Auch hier
ist jedoch wieder in der jüngsten Altersgruppe eine Annäherung der
Hochgebildeten an die westdeutsche Vergleichsgruppe zu beobachten, während sich
die niedriggebildeten jungen nicht von den älteren Ostdeutschen unterscheiden.
Abbildung
4: Bewertung der DDR nach Region, Alter und formaler Bildung
Die Verhältnisse werde noch deutlicher, wenn man
einen Indikator verwendet, der nicht auf ein abstraktes Prinzip abzielt,
sondern sich einer real existierenden Gesellschaft als Referenzpunkt bedient,
um Wertorientierungen zu erheben. Mit dem Item „Die DDR hatte mehr gute als
schlechte Seiten“ wird so die konkrete Umsetzung der sozialistischen Idee in
Gestalt des zweiten deutschen Staates zum Objekt eines Werturteils. Dieser
Indikator ist keineswegs unproblematisch, weil er natürlich auch von
nostalgischen Gefühlen und/oder utopischen Vorstellungen, die möglicherweise im
Rückblick aufkommen, beeinflußt werden könnte. Andererseits ist das Item aber
recht hart formuliert – gefragt wurde nicht etwa, ob die DDR auch Vorzüge
gehabt habe, sondern ob die guten die schlechten Seiten überwogen haben. Deshalb ist es unseres Erachtens nach ein valider
Indikator für die zugrundeliegende Wertdimension.
Im Ergebnis zeigt sich erneut, daß selbst dann
eklatante Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen fortbestehen, wenn Alter
und Bildung kontrolliert werden (vgl. Abbildung 4). Im Westen stehen
Niedriggebildete der untergegangenen DDR zwar etwas wohlwollender gegenüber als
Personen mit einem höheren Bildungsabschluß. Möglicherweise bewerten sie die
DDR wegen ihres ausgebauten Sozialsystems etwas positiver. Insgesamt sind die
Unterschiede zwischen den Bildungsgruppen aber relativ gering. Auch die
Generationenzugehörigkeit spielt in dieser Frage so gut wie keine Rolle. Die
DDR wird von den Westdeutschen über alle Gruppen hinweg negativ bewertet.
Die neuen Bundesbürger hingegen sehen ihren
früheren Staat erstaunlich positiv. Die durchschnittliche Zustimmung zu diesem
Item liegt in allen Gruppen weit über den westdeutschen Vergleichswerten und
damit häufig im Bereich einer eher zustimmenden Antwort. Dabei ist jedoch die
Sonderstellung der Hochgebildeten in der jüngsten ostdeutschen Altersgruppe
noch deutlicher zu erkennen als bei den bisher analysierten Items. Sie heben
sich klar von den übrigen Generationen ab, zwischen denen wiederum kaum
substantielle Unterschiede bestehen. Bei den niedrigergebildeten Ostdeutschen
hingegen sind generell keine Effekte der Generationszugehörigkeit zu erkennen.
Selbst die jüngsten Angehörigen dieser Bildungsschicht, die nur wenige oder gar
keine eigenen politischen Erfahrungen mit dem System der DDR gesammelt haben,
befürworten im Mittel die Aussage, die DDR habe mehr gute als schlechte Seiten
gehabt. Hier zeigt sich unserer Meinung nach wiederum Anzeichen einer
bedenklichen „Transformation ohne Integration“ (Gensicke 1998).
Wenn gesellschaftspolitische Wertorientierungen
nicht über die Bewertung abstrakter Prinzipien, sondern über die Einstellung
gegenüber konkreten Politikzielen ermittelt wurden, ergaben sich in der
bivariaten Analyse durchweg etwas geringere Differenzen zwischen den Bürgern in
den alten und den neuen Ländern. Noch am stärksten ausgeprägt waren die Unterschiede
zwischen Ost- und Westdeutschen beim letzten Item aus dem Bereich der Wirtschafts-
und Sozialordnung, das wir hier analysieren wollen: der Frage, ob der Staat
einen „Arbeitsplatz für jeden, der arbeiten will“ bereitstellen solle. In
multivariater Betrachtungsweise ergibt sich für dieses Item ein äußerst
differenziertes Bild (vgl. Abbildung 5).
Zunächst läßt sich festhalten, daß neben der
bekannten Ost-West-Differenz ein deutlicher Bildungseffekt auftritt. Beide
Effekte werden aber in erheblichem Umfang durch die Generationenzugehörigkeit
modifiziert. Hochgebildete westdeutsche Befragte, die vor 1948 geboren wurden,
stehen einer staatlichen Arbeitsbeschaffungspolitik stärker ablehnend gegenüber
als alle anderen Befragten, während die entsprechenden Orientierungen der niedrigergebildeten
Westdeutschen von Generationeneffekten kaum beeinflußt werden.
Abbildung
5: Staatliche Verantwortung für Vollbeschäftigung nach Region, Alter und
formaler Bildung
Dies gilt jedoch nicht für die jüngste
Altersgruppe. Hier nähern sich die niedriggebildeten Westdeutschen ihren
Altersgenossen in den neuen Ländern an, während sich umgekehrt die
Orientierungen der hochgebildeten Ostdeutschen nicht signifikant von denen
ihrer westdeutschen Pendants unterscheiden. In dieser Altersgruppe hat Bildung
einen wesentlich stärkeren Effekt als die regionale Zugehörigkeit.
Abschließend betrachten wir den Anteil der
Postmaterialisten, also der eigentlichen Träger des von Inglehart beschriebenen
kulturellen Wandlungsprozesses, in den einzelnen Alters- und Bildungsgruppen.
Abbildung
6: Anteil der Postmaterialisten nach Region, Alter und Geschlecht
Dabei zeigt sich, daß in der Gruppe der
Niedriggebildeten praktisch keine
signifikanten Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesbürgern auftreten.
Innerhalb der entsprechenden Altersgruppen unterscheiden sich die Anteilswerte
jeweils nur um wenige Prozentpunkte. Unterhalb eines gewissen Niveaus an
formaler Bilddung
sind die Westdeutschen nur geringfügig „postmaterialistischer“ als die Ostdeutschen.
Darüber hinaus fällt auf, daß der Anteil der Postmaterialisten auch in den
jüngeren Altersgruppen kaum über dem Wert für die älteren Generationen liegt.
Die Ausbreitung postmaterialistischer Wertorientierungen in der Generationenfolge,
die Inglehart beschreibt, erstreckt sich also bislang offensichtlich nicht auf
die große Gruppe der Menschen ohne höheren Bildungsabschluß. Dieser Befund
steht in Einklang mit neueren Überlegungen, nach denen das Inglehart-Instrument
vor allem die Unterstützung demokratischer Werte mißt, die in den Gymnasien und
Hochschulen vermittelt werden (Warwick 1998).
Ein erstaunliches Bild ergibt sich für die
Hochgebildeten. Im Verlaufe dieser Analyse haben wir bereits mehrfach darauf
hingewiesen, daß sich die Wertorientierungen der jungen hochgebildeten
Ostdeutschen tendenziell denen der westdeutschen Vergleichsgruppe annähern. Was
nun den Wandel hin zu postmaterialistischen Werten betrifft, sind die jungen
Ostdeutschen aber sogar moderner bzw. in Inglehart neuer Terminologie „postmoderner“
als ihre Altersgenossen aus den alten Ländern. Mit rund 45 Prozent weisen sie
den höchsten Anteil an Postmaterialisten unter allen untersuchten Gruppen auf.
Der Vergleichswert für Westdeutschland hingegen liegt bei lediglich 33 Prozent.
Im übrigen zeigt sich bei den Hochgebildeten im Osten exakt das von Inglehart
beschriebene Muster des generationalen Wertewandels: Jede Altersgruppe weist
einen höheren Anteil an Postmaterialisten auf als die vorangegangene, der Trend
ist dabei fast linear.
Im Westen hingegen zeigt sich ein etwas anderes
Muster. Hier finden sich die meisten Postmaterialisten in der Altersgruppe, die
zwischen 1948 und 1957 geboren wurde. Sowohl die vorangegangene als auch die
beiden folgenden Altersgruppen weisen einen etwas niedrigeren Anteil an
Postmaterialisten auf. Aus Inglehartscher Perspektive ließe sich argumentieren,
daß die Angehörigen der ersten Nachkriegsgeneration als echte Kinder des
Wirtschaftswunders in ihrer formativen Phase einen bis dahin unbekannten
materiellen Wohlstand erlebt haben und sich deshalb (Stichwort
Mangelhypothese/Bedürfnishierarchie) nun an postmateriellen Werten
orientieren. Da sich die wirtschaftliche Lage in Westdeutschland trotz der
„Rezession“ von 1966/67 und der beiden Ölkrisen in den 70er Jahren zumindest
bis zum Beginn der 80er Jahre nicht nennenswert verschlechtert hat, müßte dies
aber auch für spätere Generationen gelten. Plausibler erscheint uns deshalb die
Überlegung, daß für diese Generation tertiäre Sozialisationseffekte im
Erwachsenenleben wie etwa die Postadoleszenz in den späten 60er und frühen 70er
Jahren und vor allem eine Tätigkeit in den von Kitschelt beschriebenen symbolproduzierenden
und sozialpflegerischen Berufen im öffentlichen Sektor, der während der 70er
Jahre stark ausgebaut wurden, eine Rolle gespielt haben müssen.
Ein weiterer Befund, der sich im
Ost-West-Vergleich der Hochgebildeten zeigt, spricht ebenfalls gegen Ingleharts
Hypothese, daß allein Überfluß und Mangel während einiger weniger formativer
Jahre über die späteren Wertorientierungen entscheiden: Selbst in der Gruppe
der vor 1933 Geborenen ist der Anteil der Postmaterialisten im Westen jeweils
eklatant höher als im Osten, obwohl die Angehörigen dieser Generation unter
identischen Bedingungen sozialisiert wurden.
Für die zukünftige Entwicklung der politischen
Kultur des vereinten Deutschlands ist die Frage nach Stabilität und Wandel von
Wertorientierungen von zentraler Bedeutung. Falls sich, wie von der klassischen
Sozialisationstheorie vermutet, Wertorientierungen in erster Linie während
einer relativ kurzen formativen Phase herausbilden und dann im Lebensverlauf
weitgehend stabil bleiben, könnte es – wenn überhaupt – nur durch
generationalen Wandel zu einer Annäherung zwischen beiden Regionen kommen.
Denkbar wäre in diesem Falle aber auch, daß nachwachsende Generationen wiederum
spezifisch ostdeutsche Wertorientierungen erwerben und auf diese Weise ein
geschlossenes Milieu entstünde.[9]
In beiden Fällen gerieten größere Teile der ostdeutschen Bevölkerung auf Dauer
in die Position einer Minderheit, und die politische Kultur Deutschlands bliebe
auf Jahrzehnte hinaus gespalten. Sollten sich Wertorientierungen jedoch auch
auf individueller Ebene wandeln, wenn
sich die Lebensumstände ändern, könnte es prinzipiell zu einer rascheren
Annäherung zwischen Ost und West kommen.
Um die langfristige Entwicklung von
Wertorientierungen zu untersuchen, sind die uns zur Verfügung stehenden
Panel-Daten sicher nicht optimal, weil sie lediglich zwei Wellen beinhalten,
die einen Zeitraum von nur vier Jahren umspannen. Mit diesem Material läßt sich
jedoch ein asymmetrischer Test der beiden konkurrierenden Hypothesen vornehmen:
Wenn sich bereits innerhalb dieses relativ kurzen Zeitraumes größere
individuelle Schwankungen in den Wertorientierungen zeigen, ist die Hypothese,
daß Wertorientierungen nach dem Abschluß der sekundären Sozialisation stabil
bleiben, falsifiziert. Sollten sich die Wertorientierungen hingegen in dem von
uns untersuchten Zeitraum als weitgehend stabil erweisen, spricht dies noch
nicht dagegen, daß in bestimmten Phasen des Lebensyzklus – etwa nach dem
Eintritt ins Berufsleben, bei der Gründung einer Familie, dem Eintritt in eine
Partei oder nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben – tertiäre
Sozialisationseffekte auftreten können.
Eine erste Möglichkeit, sich der Frage nach der
Stabilität von Wertorientierungen in einem zweiwelligen Panel anzunähern, ist
die Berechnung von Stabilitätskoeffizienten. Dabei handelt es sich schlicht um
Zusammenhangsmaße (in unserem Falle Somers‘ D[10]),
die die Stärke der Beziehung zwischen den Meßwerten einer Variable zu den
beiden verschiedenen Zeitpunkten beschreiben. Hohe Werte für diese
Koeffizienten sind dabei keineswegs mit absoluter Stabilität der gemessenen
Variablen gleichzusetzen, da auch eine generelle Zu- bzw. Abnahme der
Variablenwerte in der zweiten Welle als starker Zusammenhang zwischen beiden
Meßwerten zu interpretieren ist.
Tab.
4: Stabilität von Wertorientierungen
im Panel (Somers` d)
|
|
Gesamt |
West |
Ost |
|
„Diktatur unter
Umständen besser“ |
0,20 |
0,16 |
0,16 |
|
„Gruppeninteressen
sollen sich unterordnen“ |
0,15 |
0,13 |
0,11 |
|
„Opposition notwendig“ |
0,15 |
0,17 |
0,12 |
|
„Sozialismus gute
Idee“ |
0,29 |
0,15 |
0,22 |
|
Inglehart-Index |
0,21 |
0,26 |
0,15 |
Zusammenhangsmaße beziehen sich vielmehr auf die
relative Stabilität der gemessenen Größe,
d.h. sie geben Auskunft darüber, welchen Einfluß die frühere Ausprägung der
Variablen überhaupt auf den in der zweiten Welle gemessenen Wert hat. Tabelle 4
zeigt in der linken Spalte die entsprechenden Koeffizienten für die
Wertorientierungen, die in beiden Panelwellen erhoben wurden. Angesichts der
Tatsache, daß Wertorientierungen als dauerhaft stabil gelten, erscheinen diese
Koeffizienten mit Beträgen zwischen 0,15 (Antipluralismus und Rolle der Opposition)
und 0,29 (Bewertung der sozialistischen Idee) als außerordentlich niedrig.
Lassen sich diese ungewöhnlich niedrigen
gesamtdeutschen Werte darauf zurückführen, daß sich im Osten eine
Transformation der politischen Kultur vollzieht und die Wertorientierungen der
Ostdeutschen deshalb einem größeren Wandel unterworfen sind, während diejenigen
der Bürger in den alten Ländern stabil bleiben? Eine getrennte Berechnung der
Stabilitätskoeffizienten für die alten und die neuen Bundesländer (mittlere und
rechte Spalte in Tabelle 4) widerlegt diese Vermutung. Vielmehr zeigt sich, daß
sich Ost- und Westdeutsche hinsichtlich der gemessenen Stabilität ihrer
Wertorientierungen kaum unterscheiden. Eine Ausnahme scheinen lediglich die
Bewertung des Sozialismus und der Inglehart-Index zu bilden. Auch diese Differenzen
sind aber auf dem Fünfprozent-Niveau[11]
nicht signifikant. Für beide Regionen gilt, daß die 1998 gemessenen
Wertorientierungen nur in einem schwachen Zusammenhang mit den Meßwerten aus
dem Jahr 1994 stehen.
In beiden Regionen Deutschlands rangiert somit
die relative Stabilität der von uns gemessenen Wertorientierungen erheblich unter dem, was man bereits im Falle
gewöhnlicher Einstellungen erwarten
könnte: In einem klassischen Text berichtet beispielsweise Converse für Einstellungen
gegenüber spezifischen issues (Militärhilfe für fremde Staaten, Entwicklungshilfe
etc.), die im individuellen Überzeugungssystem eine deutlich weniger zentrale
Rolle[12]
spielen sollten als Wertorientierungen, Stabilitätskoeffizienten,[13]
die wesentlich höher, nämlich in einem Bereich zwischen 0,29 und 0,48 liegen
(Converse 1964: 240). Selbst wenn man berücksichtigt, daß Converse sich dabei
auf ein Zwei- und nicht auf ein Vier-Jahres-Panel bezieht, scheinen die von uns
gemessenen Orientierungen ungewöhnlich instabil zu sein. Seinem numerischen
Betrag nach entspricht D in etwa dem Pearsonschen Korrelationskoeffizienten.[14]
Orientiert man sich an dieser Vergleichsbasis, dann können die 1994 gemessenen
Wertorientierung lediglich ca. zwei bis acht Prozent der 1998 gemessenen
Wertorientierungen erklären.
Unklar ist nun, ob dieser erstaunliche Mangel an
Stabilität darauf zurückzuführen ist, daß die Wertorientierungen entgegen der
theoretischen Erwartung im Lebensverlauf erratischen Schwankungen unterliegen,
oder ob die von uns verwendeten Indikatoren eine niedrige Reliabilität
aufweisen. Obwohl dieses Problem mit den uns zur Verfügung stehenden Daten
nicht lösbar ist, ergibt sich aus den Überlegungen von Converse und anderen
eine Möglichkeit, noch etwas Licht in das Dunkel zu bringen. Nach Converse
sollten nämlich die Vertreter der „kognitiven Elite“ über klarer strukturierte,
elaborierte und daher stabilere Überzeugungssysteme verfügen als die
Angehörigen der „kognitiven Masse“. Die Zugehörigkeit zur kognitiven Elite läßt
sich für unsere Zwecke über die beiden Indikatoren „politisches Interesse“ und
„formale Bildung“ operationalisieren. Das politische Interesse steht dabei für
die Motivation, die formale Bildung für die Fähigkeit, ein konsistentes
Einstellungssystem zu entwickeln.
Auch wenn Wertorientierungen wesentlich
volatiler sein sollten, als allgemein angenommen wird, sollten zumindest die
Angehörigen der kognitiven Elite in der Lage sein, relativ stabile gesellschaftspolitische
Wertorientierungen zu entwickeln und diese in einer Interviewsituation auch
mitzuteilen. Deshalb haben wir die Stichprobe nach diesen Merkmalen aufgeteilt[15]
und noch einmal die Stabilitätskoeffizienten berechnet. Tabelle 5 zeigt, daß tatsächlich
ein genereller Zusammenhang zwischen der Zugehörigkeit zu einer kognitiven
Elite und der Stabilität von Wertorientierungen besteht. Allerdings bleiben
selbst bei den Angehörigen der kognitiven Elite (hohe Bildung und hohes
politisches Interesse) die Stabilitätsmaße weit unter den Werten, die Converse
(1964: 240) für eine langfristig stabile Einstellung,
nämlich die Parteiidentifikation,[16]
berichtet. In einem Fall (Opposition notwendig) kehrt sich der Zusammenhang sogar
um: Hier sind die Orientierungen der Hochgebildeten völlig volatil. Etwaige
Ost-West-Effekte scheiden als Erklärung aus: Selbst wenn man die Region als
zusätzliche Kontrollvariable einführt, ändert sich das Bild nicht substantiell.
Tab. 5: Stabilität
von Wertorientierungen im Panel nach politischem
Interesse und formaler Bildung (Somers` d)
|
politisches Interesse: |
niedrig
|
|
hoch |
||
|
Bildung: |
niedrig |
hoch |
|
niedrig |
hoch |
|
„Diktatur unter Umständen besser“ |
0,15 |
0,15 |
|
0,17 |
0,37 |
|
„Gruppeninteressen
sollen sich unterordnen“ |
0,08 |
0,19 |
|
0,16 |
0,25 |
|
„Opposition notwendig“ |
0,11 |
0,24 |
|
0,06 |
0,00 |
|
„Sozialismus gute
Idee“ |
0,23 |
0,39 |
|
0,35 |
0,38 |
|
Inglehart-Index |
0,12 |
0,19 |
|
0,21 |
0,34 |
Daß die Wertorientierungen der kognitiven Elite
derart instabil sein sollen, erscheint uns wenig plausibel. Da sich trotz dieser
erratischen Schwankungen die oben beschriebenen, deutlichen und über zahlreiche
Indikatoren hinweg konsistenten Effekte der beiden Variablen Generationszugehörigkeit
und formale Bildung auf die Wertorientierungen nachweisen lassen, gehen wir
davon aus, daß in erster Linie die Reliabilität der von uns verwendeten
Einzelindikatoren zu wünschen übrig läßt.[17]
Zwar existieren mathematische Modelle, mit denen die um den Effekt der
Meßfehler bereinigte Stabilität einer latenten Variablen geschätzt werden kann
(Jörreskog/Sörbom 1993: 29). Diese setzen aber voraus, daß für die
entsprechende Variable mehrere Indikatoren zur Verfügung stehen, was in unserem
Fall für die erste Panel-Welle nicht gegeben ist. Damit stellt sich das
klassische Basissatzproblem: Auf der Grundlage der uns zur Verfügung stehenden
Daten läßt sich nicht entscheiden, ob unsere Befunde eher gegen die Kerntheorie
oder gegen die Meßtheorie sprechen.
Unabhängig davon, ob Kern- oder Meßtheorie
fehlerbehaftet sind, ist es angesichts der niedrigen relativen Stabilität der Meßergebnisse nicht sinnvoll, auf
individueller Ebene Differenzen zwischen den Ergebnissen beider Panelwellen zu
berechnen bzw. entsprechende Regressionsmodelle zu schätzen. Deshalb können wir
keine im eigentlichen Sinne statistisch abgesicherte Aussagen über Stabilität
und Wandel der Wertorientierungen im vereinigten Deutschland treffen. Die von
uns auf der Grundlage der Querschnittserhebung von 1998 zusammengestellten
Ergebnisse liefern jedoch einige starke Indizien dafür, daß die weiterhin
bestehenden Unterschiede in den Wertorientierungen von Ost- und Westdeutschen
vor allem auf Sozialisationseffekte zurückzuführen sind und sich beide Regionen
einander in erster Linie durch die Generationenfolge annähern werden, wobei den
Schulen und Hochschulen als Sozialisationsinstanzen eine Schlüsselrolle
zukommt.
Während man unmittelbar nach der
Wiedervereinigung davon ausgegangen war, daß in der DDR gesellschaftspolitische
Wertorientierungen aus der Nachkriegszeit konserviert
worden seien, so zeigte sich bald,
daß auch in der DDR ein Wertewandel stattgefunden hatte. Dieser hatte jedoch
offensichtlich einen anderen Verlauf als in der Bundesrepublik genommen. Denn
bis zur Mitte der 90er Jahre häuften sich die empirischen Belege dafür, daß die
ehemaligen DDR-Bürger zwar dem Wert der Demokratie generell positiv gegenüber
standen, zugleich aber den Wert der Gleichheit viel stärker betonten als die
Westdeutschen und dementsprechend das Modell eines redistributiven Staates, der
massiv in die wirtschaftliche und soziale Entwicklung eingreift, bevorzugen.
Damit war die Hypothese einer Konvergenz
von ost- und westdeutschen Wertorientierungen falsifiziert. Seitdem dominiert
in der Forschung die Annahme, daß die Wertorientierungen der Bürger in den
neuen Ländern in einem spezifisch ostdeutschen Sozialisationsprozeß erworben wurden und sich dementsprechend als
relativ stabil erweisen sollten.
Ausgangspunkt unserer Analyse war deshalb die
Frage, in welchem Umfang sich Ost- und Westdeutscher am Ende der 90er
Jahre hinsichtlich der von ihnen präferierten gesellschaftspolitischen Werte
und Staatsziele unterscheiden. Dabei zeigte sich, daß gemäß den Erwartungen der
Sozialisationshypothese nach wie vor erheblich Ost-West-Differenzen bestehen. Obwohl
demokratisch-pluralistische Normen auch in den neuen Ländern weithin akzeptiert
werden, sind die demokratischen Werte in Ostdeutschland weniger tief verankert
als in den alten Ländern, was in einem gewissen Widerspruch zu früheren
Befunden steht. Dramatische Unterschiede bestehen darüber hinaus bei der
Bewertung der sozialistischen Idee, die im Osten weiterhin breite Zustimmung
findet. Etwas schwächer ausgeprägt, aber durchaus substantiell sind die
Differenzen hinsichtlich des gewünschten Umfangs der Staatstätigkeit.
Bei multivariater Betrachtung der
Querschnittsdaten von 1998 zeigt sich, daß neben der Region, in der die
Befragten sozialisiert wurden, auch die Generationenzugehörigkeit und die formale
Bildung einen deutlichen Einfluß auf die jeweiligen Wertorientierungen haben.
Insbesondere ist über alle untersuchten Wertorientierungen hinweg unter den
formal hochgebildeten Angehörigen der jüngsten Generation, die von Claus
Leggewie und anderen plakativ als „89er“ bezeichnet wurden, eine fast vollständige
Annäherung zwischen Ost und West zu verzeichnen. Dieser Befund spricht
ebenfalls sehr
für die Sozialisationshypothese und belegt außerdem, daß die
höheren Bildungseinrichtung bei der Vermittlung demokratischer Werte nach wie
vor eine entscheidende Rolle spielen. Wenn sich der Trend in den nächsten
Jahren in dieser Form fortsetzt, wird sich eine gesamtdeutsche politische
Kultur nur langsam, nämlich durch über die Generationenfolge herausbilden.
Darüber hinaus deuten unsere Ergebnisse darauf hin, daß bei der demokratischen
Sozialisation der jungen Ostdeutschen mit einer niedrigen formalen Bildung
erhebliche Defizite bestehen, die gerade vor dem Hintergrund der hohen Gewaltbereitschaft
unter ostdeutschen Jugendlichen als höchst problematisch gelten müssen.
Eine detaillierte Untersuchung individueller
Wertewandelsprozesse mit Hilfe der Paneldaten, die diese Befunde ergänzen
könnten, erscheint wegen der bisher relativ kurzen Laufzeit des Projektes nur
bedingt sinnvoll. Da die von uns verwendeten Einzelindikatoren zudem erhebliche
Reliabilitätsprobleme aufweisen und multiple Indikatoren, mit deren Hilfe sich
die Meßfehler abschätzen ließen, für die
erste Panelwelle nicht zur Verfügung stehen, verzichten wir deshalb auf eine
Analyse des Panels.
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[1] Dieses Item ist zur Untersuchung von demokratischen Wertorientierungen weitaus besser geeignet als die verwandte und in der Umfrageforschung ebenfalls häufig verwendete Frage nach der Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland, weil es explizit auf die Idee der Demokratie als Herrschaftsform abhebt und von den konkreten Leistungen und Eigenschaften des politischen Systems abstrahiert. Die Beantwortung dieser Frage sollte deshalb von der in Ostdeutschland weit verbreiteten Unzufriedenheit mit den wirtschaftlichen Folgen der Wiedervereinigung nicht beeinflußt werden.
[2] Bei den Eintragungen in den folgenden Tabellen handelt es sich um Werte für den Koeffizienten D. D ist ein asymmetrisches Maß und wurde für die regionale Zugehörigkeit als unabhängige Variable berechnet.
[3] Der Fragestimulus lautete „Ich habe hier einige Kärtchen mit Dingen, die einem in der Gesellschaft wichtig sein können. Bitte ordnen Sie die Kärtchen einmal danach, wie wichtig diese Dinge Ihnen persönlich sind.“ Die folgenden Zielvorstellungen wurden vorgegeben: „eine Gesellschaft in der Bewährtes geschätzt und geachtet wird“, „eine Gesellschaft in der die Bürger an allen Entscheidungen beteiligt sind“, „eine Gesellschaft, in der man es durch Leistung zu etwas bringen kann“, „eine Gesellschaft in der Recht und Gesetz geachtet werden“, „eine Gesellschaft in der man offen ist für neue Ideen und geistigen Wandel“, „eine Gesellschaft in der der Mensch mehr zählt als Geld“. Bei den Eintragungen in Tabelle 2 handelt es sich daher um Rangplätze. Ähnlich wie beim Inglehart-Index ergeben sich statistisch-methodische Probleme daraus, daß die Bewertungen der sechs Items nicht unabhängig voneinander sind (ipsative Messung). Auf diese Probleme können wir jedoch an dieser Stelle aus Platzgründen nicht eingehen (vgl. aber Klein/Arzheimer 1999).
[4] Die Angaben bei Goldsmith beziehen sich auf Skandinavien (Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden), West- und Mitteleuropa (Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Schweiz) sowie Südeuropa (Griechenland, Italien, Portugal, Spanien).
[5] Die Emanzipation der Frau gehörte seit den
Anfängen des Marxismus-Leninismus zu dessen Kernforderungen. In der DDR betrieb
die SED eine Politik der „‘Emanzipation von oben‘“
(Geißler 1992: 259). Die Gleichstellung der Frau erhielt Verfassungsrang und
wurde darüber hinaus durch eine Vielzahl juristischer und institutioneller
Regelungen forciert. Im Ergebnis führte diese Politik zwar nicht zu einer
völligen Gleichstellung, wohl aber zu einem „Gleichstellungsvorsprung“ der
Frauen in der DDR (vgl. Geißler 1992: 237ff und insbesondere die Übersicht ab
S. 259).
[6] In der DDR waren 1990 92 Prozent der Frauen erwerbstätig, in der Bundesrepublik waren es 1989 lediglich 60 Prozent (vgl. Geißler 1992: 242f).
[7] In diesem besonderen Fall haben wir die Möglichkeit, einen zentralen situationalen Faktor, nämlich die individuelle Betroffenheit durch Arbeitslosigkeit, zu kontrollieren, um zu prüfen, inwieweit die von uns beobachteten Ost-West-Differenzen tatsächlich auf Sozialisationseffekte zurückzuführen sind. Betrachtet man ausschließlich die Arbeitslosen unter den Befragten (nicht tabellarisch ausgewiesen), so steigt zwar das Niveau der Ansprüche an den Staat insgesamt. Zugleich bleiben aber unter den Personen, die selbst unmittelbar von Arbeitslosigkeit betroffen sind, die Unterschiede zwischen Ost und West weitgehend erhalten (D=-0,19). Dieser Test ist nicht perfekt, weil andere situationale Faktoren und hier insbesondere die indirekte Betroffenheit durch Arbeitslosigkeit von Familienmitgliedern und Freunden, nicht kontrolliert werden können. Er zeigt aber deutlich, daß ein erheblicher Anteil der Variation durch langfristig wirksame Faktoren, die wir als im Laufe des Sozialisationsprozesses erworbene Wertorientierungen interpretieren, erklärt werden kann.
[8] Alle Aussagen über eine Annäherung bzw. über Differenzen zwischen den verschiedenen Gruppen sind statistisch abgesichert, ohne daß wir im folgenden gesondert darauf hinweisen. Wegen der großen Zahl möglicher Vergleiche zwischen den 20 Subgruppen, die in jeder einzelnen Varianzanalyse betrachtet werden, haben wir bei der Durchführung der Signifikanztests die Bonferroni-Korrektur für multiple Gruppenvergleiche verwendet.
[9] Gegen diese zweite Überlegung spricht allerdings die von uns im vorangegangenen Abschnitt beschriebene Annäherung zwischen den jüngeren Hochgebildeten, die mittlerweile zu beobachten ist.
[10] Bei der Berechnung von D wurde der Meßwert aus der zweiten Befragungswelle als abhängige Variable betrachtet.
[11] Der Signifikanztest beruht auf den asymptotischen Standardfehlern der jeweiligen Koeffizienten. Um unsere Ergebnisse zusätzlich abzusichern, haben wir für den Stabilitätskoeffizienten des Inglehart-Index, bei dem sich die größten Differenzen zwischen Ost und West zeigen, Standardfehler und Konfidenzintervalle noch einmal nach dem Bootstrap-Verfahren (1000 Replikationen) berechnet. Hierbei ergeben sich sogar geringfügig breitere Konfidenzintervalle. Deshalb könne wir mit großer Sicherheit davon ausgehen, daß auch bei der Stabilität des Inglehart-Index keine signifikanten Ost-West-Unterschiede bestehen.
[12] Zentrale Einstellungen erweisen sich als resistent gegenüber Veränderungen, wenn es zu Widersprüchen im System der Überzeugung kommt (vgl. Converse 1964: 208). Wertorientierungen sollten eine besonders hohe Zentralität aufweisen, da sie untergeordnete Einstellungen strukturieren (vgl. van Deth/Scarbrough 1995: 41).
[13] Converse verwendet statt Somers’ D den Koeffizienten tb. Für die von uns untersuchten Orientierungen nehmen beide Maße jedoch praktisch identische Werte an.
[14] Der genaue Zusammenhang zwischen D und r wird von der Zahl der Kategorien und den Lageparametern der beiden Verteilungen beeinflußt. In unserem Fall sind D und r vom Betrag her beinahe identisch. Über die fünf hier betrachteten Wertorientierungen hinweg weist r einen im Mittel 0,03 Punkte höheren Betrag auf.
[15] Beide Variablen wurden dichotomisiert: Befragten mit einem „sehr hohen“ oder „hohen“ politischen Interesse wurde der Werte 1 zugewiesen, alle anderen erhielten den Wert 0. Bei den Bildungsabschlüssen wurde wie in Abschnitt 4 verfahren. Zur kognitiven Elite zählen nach dieser Operationalisierung 15,5 Prozent der Befragten, das entspricht 327 Fällen.
[16] Die von Converse mitgeteilte tau-b-Korrelation liegt bei rund 0,72.
[17] Zumindest für das Inglehart-Instrument läßt sich diese Vermutung mit Hilfe einer zweiten Datenquelle, des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP), überprüfen. In den Jahren 1984, 1985 und 1986 war der Inglehart-Index im variablen Teil des SOEP-Frageprogramms enthalten. Berechnet man für diese drei Wellen die Stabilitätskoeffizienten, so ergeben sich Werte, die im Bereich zwischen 0,35 und 0,39 (nicht tabellarisch ausgewiesen) und damit nur unwesentlich höher als in unserer eigenen Studie liegen. Auch hier beträgt die erklärte Varianz lediglich 12 bis 16 Prozent, was mit dem Konzept langfristig stabiler Wertorientierungen nicht zu vereinbaren ist.