Rechtsextremismus in Deutschland in sechs handlichen Kapiteln [Rezensionsessay]

 

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    Arzheimer, Kai. “Gideon Botsch, Geschichte des Rechtsextremismus in Deutschland in sechs handlichen Kapiteln [Rezensionsessay].” Jahrbuch Extremismus und Demokratie. Eds. Backes, Uwe, Alexander Gallus, and Eckhard Jesse. Vol. 25. Baden-Baden: Nomos, 2013. 275-278.
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Gideon Botsch, Die extreme Rechte in der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis heute, Darmstadt 2012 (WBG), 151 S.

 Die extreme Rechte in der Bundesrepublik bildet zugleich ein kleines und ein sehr unübersichtliches Forschungsfeld: Klein, weil sich die Zahl der Akteure aufgrund des hohen Verfolgungsdrucks zumeist in überschaubaren Grenzen hielt, unübersichtlich, weil sich diese Akteure in einer Unzahl von teils sehr kurzlebigen Gruppen zusammengefunden haben und weil die Grenzen zur demokratischen Rechten zuweilen verschwimmen.

Gideon Botsch, Politikwissenschaftler und Mitarbeiter am Moses Mendelssohn Zentrum der Universität Potsdam, hat nun in der Reihe “Geschichte Kompakt” eine knappe Gesamtdarstellung der deutschen extremen Rechten nach 1945 vorgelegt, die einen komprimierten, aber sehr gut lesbaren Überblick über mehr als sechs Jahrzehnte bundesdeutschen Rechtsextremismus gibt. Naturgemäß läßt sich dies nur durch didaktische Reduktion und Verdichtung erreichen.

Botsch stellt seiner eigentlichen Arbeit eine Einleitung von 17 Seiten voran, in der er neben einer Diskussion von Grundbegriffen (Rechtsradikalismus, -extremismus, populismus, Antisemitismus etc.) und einem Überblick über den Aufbau des Buches noch eine Darstellung der extremen Rechten vom Kaiserreich bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges unterbringt. Den Hauptteil des Buches bilden dann drei Kapitel, die unter den Überschriften “Nationale Opposition in der Nachkriegsgesellschaft”, “Nationale Opposition im Übergang” und “Nationale Opposition im geeinten Deutschland” jeweils zwei Dekaden in der Entwicklung der extremen Rechten in Deutschland behandeln, denen jeweils ein Unterabschnitt gewidmet ist. Den Zeitraum von 1980 bis 1989 beispielsweise untersucht Botsch unter der Überschrift “Zwischen Terror und Wahlkampf”. Innerhalb jedes Kapitels betrachtet der Autor vor allem Parteien und andere primär politisch ausgerichtete Organisationen. Die “Lebenswelt” der Jugend- und anderen Vorfeldorganisationen wird eher exemplarisch dargestellt. Eine sehr knappe Schlußbetrachtung, in der Botsch vor allem die aktuellen Entwicklungen bei der NPD und die Aufdeckung des “Nationalsozialistischen Untergrundes” kommentiert, schließt das Werk ab.

Botschs Periodisierung ließe sich trefflich kritisieren, da politische Ereignisse und Entwicklungen sich üblicherweise nicht an die Grenzen von Dekaden halten. Botsch selbst weist in diesem Zusammenhang auf die von Richard Stöss vorgeschlagene und in der Wahl- und Parteienforschung weithin akzeptierte alternative Einteilung in drei bzw. vier “Wellen” der rechtsextremen Wahlerfolge hin. Auch die politischen Biographien der (oft erstaunlich langlebigen) Akteure und der von ihnen begründeten Organisationen fügen sich selten nahtlos in das Dekadenschema ein.

Dennoch erscheint die von Botsch gewählte Einteilung in sechs Jahrzehnte, in denen die Entwicklung der extremen Rechten jeweils einer Art Leitmotiv folgt, erstaunlich plausibel. Dies liegt zum einen daran, dass einige für die extreme Rechte wichtige Ereignisse – das Verbot der SRP 1952, das Scheitern der NPD bei der Bundestagswahl 1969, der Anschlag auf das Oktoberfest 1980 und der Verbotsantrag gegen die NPD im Januar 2001 – tatsächlich auf halbwegs runde Jahrezahlen fallen und die Entwicklung in den darauffolgenden Jahren geprägt haben. Zum anderen aber geht es Botsch bei seiner Einteilung hauptsächlich um eine Didaktisierung des Stoffes. Für ihn stehen die Dekaden “jeweils als Begriffe für sich selbst und erzeugen unmittelbar eine Reihe von assoziationen und Bildern” (S. 6), die der Autor nutzbar macht, um seinen Lesern die ansonsten doch sehr unübersichtliche Entwicklungsgeschichte des neueren deutschen Rechtsextremismus als vergleichsweise wohlgeordnetes Tableau präsentieren zu können.

Mit diesem Zugang ordnet sich Botsch in das Programm der Reihe “Geschichte Kompakt” und einer wachsenden Zahl ähnlicher Projekte ein, die allesamt darauf abzielen, Lehrstoff für Studierende in den “neuen” Studiengängen in besonderer Weise aufzubereiten – die Buchgesellschaft ist sich nicht einmal zu schade dazu, den Umschlag mit einem “Bachelor/Master geprüft-Siegel” zu versehen, das den Eindruck erwecken soll, dass auch dieses Buch in irgendeiner Form “akkrediert” worden sei. Dagegen ist per se nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Von Zeittafeln, besonders hervorgehobenen Definitionen, ausgewählten Quellen, Minibiographien und Randspalten profitieren alle Leser, die sich in dem Bändchen rasch zurecht finden wollen. Zu kritisieren ist hier allenfalls das Fehlen der auf dem Umschlag annoncierten “klar strukturierten Grafiken”, mit denen man den teils sehr verschlungenen Stammbaum der Rechtaußen-Parteien hätte illustrieren können.

Sehr bedauerlich ist aber das durch das Format erzwungene fast vollständige Fehlen von Fußnoten und der weitgehende Verzicht auf Belege im Text, die nur für einige zentrale wörtliche Zitate angegeben sind. Dadurch verliert Botschs Kompendium für Fachkollegen erheblich an Nutzen und vermittelt den Studierende ein – gelinde gesagt – irreführendes Bild von der wissenschaftlichen Methode. Dies ist schon deshalb problematisch, weil viele der von Botsch beschriebenen Gruppierungen klandestin organisiert sind. Für Studierende und Doktoranden wäre es wichtig zu wissen, auf welcher Grundlage ein so schwieriges Feld überhaupt erforscht werden kann.

Auch die Auswahlbibliographie ist mit zweieinhalb Seiten deutlich zu kurz geraten. Hier fehlt es – gerade vor dem Hintergrund der unzureichenden Belege im Text – nicht nur an Quellen, sondern vor allen Dingen an Kommentaren, die diese erschließen und den tatsächlich interessierten Studierenden Hinweise geben, wie sie sich Teilaspekte des Themas selbst erarbeiten können.

Ein ganz erhebliches weiteres Problem liegt darin, dass die Darstellung fast vollständig ohne einen theoretischen Unterbau auskommen muß und sich statt dessen primär an der eingangs erwähnten Einteilung in Dekaden sowie der (nicht näher erläuterten) Idee von “Ereignisketten” orientiert. Eine politikwissenschaftlicher oder extremismustheoretischer Rahmen fehlt. Konzepte wie das “Angebot” von und die “Nachfrage” nach extremistischen Politikinhalten werden zwar in der Einleitung erwähnt, spielen aber für das Folgende kaum noch eine Rolle. Die eingestreuten Erklärungen für die Entwicklungen innerhalb der extremen Rechten bzw. der bundesdeutschen Gesellschaft insgesamt sind deshalb zwar durchaus plausibel. Eine Einbettung in einen größeren Argumentationszusammenhang ist aber kaum erkennbar. Dies ist bedauerlich, weil dadurch trotz der faktengesättigten Darstellung einige der interessantesten Fragen der Rechtsextremismusforschung gar nicht erst in den Blick geraten.

So hat beispielsweise Herbert Kitschelt bereits vor fast 20 Jahren die Hypothese aufgestellt, dass die extreme Rechte in Deutschland regelmäßig an ihrer Fixierung auf und ihrer Verbindung zur jüngsten deutschen Geschichte scheitert und sich deshalb – anders als etwa in Frankreich, Skandinavien, der Schweiz und Österreich – bislang keine moderne und erfolgreiche Rechtsaußen-Partei etablieren konnte. Als Beleg für die Gültigkeit von Kitschelts Hypothese wird häufig die NPD genannt, die sich noch in den frühen 1980er Jahren vornehmlich mit den verlorenen Ostgebieten, Kriegsschuld- und Holocaust-Debatten und nicht zuletzt dem klassischen Antisemitismus beschäftigte und darüber die aufkommenden Fragen der Asyl- und Zuwanderungspolitik fast übersehen hat.

In seinen Ausführungen zu “Terror und Wahlkampf” beschreibt Botsch nun in wenigen dürren Sätzen die Entdeckung des Migrationsthemas und die halbherzigen und kurzlebigen Versuche der NPD, sich in einem neuen Programm von ihrer seit Jahrzehnten geführten vergangenheitspolitischen Debattenkultur zu lösen (S. 88-89), ohne die Signifikanz dieses Manövers deutlich zu machen oder auf die Gründe für sein Scheitern einzugehen. In ähnlicher Weise wird auch die Hinwendung der “Republikaner” zum Rechtsextremismus nach der Machtübernahme durch Franz Schönhuber lapidar als Faktum präsentiert, aber nicht in einen größere Kontext gestellt. Botschs Darstellung der Vorgänge ist an dieser wie an anderer Stelle konzise und hochinformativ, würde aber durch einen stärker analytischen Zugriff, durch ein Mehr an Interpretation, vielleicht sogar durch zielgerichtete Spekulation – was wäre gewesen, wenn sich die Republikaner bereits früher von der NS-Verehrung und anderen verfassungsfeindlichen Tendenzen in ihren Reihen überzeugend distanziert hätten – nochmals gewinnen. Generell wird das (insgesamt bislang ebenfalls recht erfolglose) rechtspopulistische Spektrum in Deutschland – zu nennen sind hier neben älteren Gruppierungen wie der “Partei Rechtsstaatliche Offensive”, “Pro-DM” und der “Bund freier Bürger” vor allem die “Pro-Bewegung” (die Botsch eher dem Rechtsextremismus zuordnet) und “Die Freiheit” – nur am Rande betrachtet. Auch zum Übergangsbereich zwischen etablierten Parteien und extremer Rechter und hier insbesondere zum gelegentlichen Aufflackern nationalliberaler bis nationalpopulistischer Strömungen in der FDP hätte man gerne noch etwas mehr gelesen.

Wie oben bereits angesprochen, betrachtet Botsch außer der parteipolitisch organisierten Rechten auch sehr intensiv die Lebenswelt des rechten Milieus, d.h. das Netzwerk, das von Zeitschriften und Tagungshäusern über “Jugendbünde” bis hin zu Kameradschaften und kaum organisierten Schlägerbanden reicht. Mit guten Gründen beschränkt sich Botsch hier auf eine exemplarische Darstellung, auch wenn die Auswahlkriterien, nach denen er vorgeht, nicht immer ganz klar werden.

Die relativ ausführliche Beschäftigung mit den “Bünden” und “Ringen” ist sicher deren historischer Bedeutung insgesamt sowie ihrer früheren Rolle als zentrale Sozialistions- und Rekrutierungsinstitutionen geschuldet, die sie aber seit den 1970er Jahren weitgehend verloren haben dürften. Für den Zeitraum seit den 1980er Jahren ergibt sich aus Botschs Darstellung (z.B. auf S. 120-121) der Eindruck, dass viele Organisationen im Grunde nur noch von und für einige wenige Familien weitergeführt werden, die sich seit Generationen dem Nationalsozialismus verschrieben haben.

Angaben zur Zahl der Mitglieder dieser Gruppierungen sind sicher schwer zu ermitteln, grobe Schätzungen wären aber hilfreich. Umgekehrt hätte man als Leser gerne mehr über die sogenannten “Freie Kameradschaften”, über sonstige Neonazigruppen und vor allem über die rechte Subkultur im deutschsprachigen Internet gewußt, die für viele Aktivisten und Sympathisanten einen weitgehend rechts- und repressionsfreien Raum bildet, der traditionelle Formen der rechten Jugendkultur zumindest ergänzt, wenn nicht sogar partiell ersetzt.

Sehr informativ wenn auch knapp sind schließlich Botschs Ausführungen zum Rechtsterrorismus insbesondere der 1980er Jahre. Zurecht weist der Autor hier darauf hin, dass dieser im Gegensatz zum Terror der RAF und der Roten Zellen von Medien und Öffentlichkeit weitgehend vergessen worden ist, obwohl die Zahl der Opfer hoch war und einige der sogenannten “Wehrsportgruppen” über paramilitärische Ausrüstung und entsprechendes Training verfügten. Hier wäre – gerade im Zusammenhang mit den Morden durch den sogenannten “Nationalsozialistischen Untergrund” und den spektakulären Fehlleistungen der Sicherheitsbehörden bei deren Aufdeckung – noch intensiver nach den strukturellen Ursachen und Folgen dieser Fehlwahrnehmung zu fragen.

Abschließend stellt sich die Frage, an welches Publikum sich Botschs Werk richtet. Für Fachwissenschaftler hat es trotz fehlender Fußnoten und sonstiger Belege einen gewissen Nutzen als komprimierter Überblick über die wichtigsten Stationen des Nachkriegs-Rechtsextremismus. Auch für die eigentliche Zielgruppe, d.h. für Studierende in den BA- und MA-Studiengängen ist es im Grunde gut geeignet, sollte bei der Kursplanung aber nicht als Lehrbuch, sondern vielmehr als ein Nachschlagewerk betrachtet werden, mit dessen Hilfe sich die Studierenden rasch das notwendige zeitgeschichtliche Hintergrundwissen erschließen können. Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der extremen Rechten bleiben aber auch in Zeiten von Bachelor und Master ein solides theoretisches Rüstzeug und die Auseinandersetzung mit der aktuellen Forschungsliteratur unabdingbar.

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