TITEL: Annäherung durch Wandel? Das Ergebnis der Bundestagswahl 1998 in Ost-West-Perspektive.
QUELLE: Aus Politik und Zeitgeschichte, B1/1999, S. X-XX
Während die staatliche Einheit weitgehend reibungslos hergestellt wurde, bestehen im Bereich der politischen Einstellungen und Verhaltensweisen nach wie vor erhebliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. Dies gilt auch für das Wahlverhalten, so daß man bisher von zwei getrennten deutschen Elektoraten sprechen konnte. Auch 1998 zeigen sich wieder erhebliche Unterschiede im Wahlergebnis: PDS, Grüne und FDP fungieren weiterhin als ost- bzw. westdeutsche Regionalparteien, außerdem ist es bisher bei aufeinanderfolgenden Wahlen im Osten zu weitaus größeren Verschiebungen im Kräfteverhältnis der Parteien gekommen als im Westen.
Eine wichtige Ursache für diese Ost-West-Unterschiede besteht darin, daß die über die Zugehörigkeit zu Konfessions- und Berufsgruppen vermittelten dauerhaften Bindungen der Bürger an die Parteien in den neuen Ländern bisher von untergeordneter Bedeutung sind. Im Westen spielen solche historisch erklärbaren Bindungen der Arbeiter an die SPD einerseits, der Katholiken an die Union andererseits trotz aller Individualisierungsprozesse immer noch eine wichtige Rolle bei der Erklärung von Wahlverhalten. In den neuen Ländern hingegen liegt der Anteil der parteigebundenen Bürger weitaus niedriger als in der alten Bundesrepublik, und die vorhandenen Bindungen sind instabiler. Dies gilt vor allem für die große Gruppe der Arbeiter, die sich im Gegensatz zu ihren westlichen Kollegen in ihrer Mehrheit bisher keiner Partei verbunden fühlen.
Die 1998 zu beobachtende partielle Annäherung an westliche Wahlverhaltensmuster ist daher primär als Ergebnis einer höheren Wechselbereitschaft zu interpretieren. Schon die nächste Wahl könnte zu einer neuerlichen Umkehr der Wählerkoalitionen führen.
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